Dolly brachte viele Fragen: Göttingerin untersucht den Umgang mit Thema Klonen

Berühmtes Schaf: Im Roslin-Institut bei Edinburgh wurde Dolly als erstes geklontes Säugetier geboren. Archivfoto: dpa

Göttingen. In einem Forschungszentrum nahe Edinburgh wurde 1996 das erste geklonte Säugetier geboren.

Der Klon Dolly wurde zum berühmtesten Schaf der Welt und löste Unbehagen aus. Wie sich die ethischen Debatten in Großbritannien und Deutschland unterscheiden, untersucht Solveig Lena Hansen vom Göttinger Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in ihrer Dissertation.

Die Bioethikerin und Kulturwissenschaftlerin interessieren die Betrachtungsweisen des Klonens in unterschiedlichen Kulturen und die Frage, welche Güter jeweils verhandelt werden. Welchen Wert hat etwa Individualität? Die Vorstellung, dass es durch Klonen eine Kopie unserer eigenen Person geben könnte, erschüttert das gängige Bild von individueller Identität. Andererseits haben auch Zwillinge keinen eigenen genetischen Code.

Ein weiteres Thema ist die Familie. „Die Möglichkeit des Klonens unterwandert gängige Familienmodelle“, sagt Hansen. Eine Eizelle und eine Körperzelle - etwa der gleichen Frau - genügen zur Schaffung eines Klons. „Damit kippt nicht nur die Generationenfolge, sondern auch die kulturelle Vorstellung, eine Familie bestehe aus Vater, Mutter sowie Kindern aus den elterlichen Keimzellen.“ Gerade die Unterwanderung des Familienmodells wurde oft kritisiert, weil sie gesellschaftspolitische Grundüberzeugungen trifft. „Diese Argumente sind aber nicht ethisch bedingt.“

Am Beispiel des Klonens geht Hansen der Frage nach, ob es universelle ethische Normen gibt, oder ob sittliches Handeln immer nur im kulturellen Kontext betrachtet werden kann. Schon die Unterschiede zwischen der angelsächsischen und der deutschen Sicht sind groß und schlagen sich zum Beispiel in bestehenden Gesetzen nieder. So sind in Großbritannien fast alle Reproduktionstechniken außer dem Klonen wie bei Dolly erlaubt, in Deutschland ist fast alles verboten.

Häufig ist das Denken in Großbritannien utilitaristisch geprägt, also am Nützlichen ausgerichtet. Eine gängige Begründung lautet, niemand habe das Recht, eine Person an einer bestimmten Art der Fortpflanzung zu hindern. Es gebe im Gegenteil die Pflicht, alles technisch Machbare durchzuführen, erklärt Hansen. In Deutschland wirkt dagegen eine kantisch geprägte Tradition, die Verantwortung gegenüber kommenden Generationen in den Vordergrund stellt.

Unterschiede zeigen sich auch in den Lesarten von Romanen wie „Never Let Me Go“, der die Themen Klonen und Organtransplantation verbindet (Hintergrund). Im Deutschen heißt der Titel „Alles, was wir geben mussten“. Das impliziere schon, dass die Organspende nicht freiwillig geschehe, sagt Hansen. „Besonders im deutschen Literaturbetrieb wird hier bereits auf das Missbrauchspotential der Technik hingewiesen.“ Der Originaltitel betont dagegen die Beziehung der Figuren und ihre sozialen Abhängigkeiten. Dies verdeutlicht, dass die Geschichte nicht in erster Linie die Technik des Klonens problematisiere, sondern eingeschränkte Mobilität im sozialen Raum symbolisiere. Solveig Lena Hansen: „Die Klone stehen für eine soziale Gruppe, die durch den ihnen bestimmten Platz in der Gesellschaft einen begrenzten Handlungsspielraum haben.“

Die Klone leiden, aber sie wehren sich nicht. Darin besteht die eigentliche Schreckensvision. „Es ist sehr verstörend für den Leser, dass es keinen Ausbruchversuch gibt.“

Roman und Film: Alles, was wir geben mussten

„Alles, was wir geben mussten“ lautet der deutsche Titel des Romans „Never Let Me Go“ des britischen Autors Kazuo Ishiguro, der 2010 verfilmt wurde. Die Geschichte: Drei Freunde leben im englischen Internat Hailsham, abgeschnitten von der Außenwelt, wo sie scheinbar behütet aufwachsen. Der Film erzählt von Freud und Leid des Heranwachsens, von erster Liebe, Eifersucht und Freundschaft. Doch das ist nur eine Ebene. Denn das Internat ist nicht nur Schule. Alle Schüler sind Klone, die gezeugt wurden, um als Erwachsene lebenswichtige Organe zu spenden. Die Schüler erfahren von der ihnen auferlegten Lebensaufgabe nur nach und nach. Sie leiden, doch ihre Erziehung und ihre abgeschottete Lebenswelt führen dazu, dass sie nicht gegen ihr Schicksal rebellieren. (shx)

Zur Person

Solveig Lena Hansen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Ihre im Oktober eingereichte Dissertation im Fach Bioethik erscheint voraussichtlich 2015. Mit Dr. des. Sabine Wöhlke hat sie vor zwei Jahren eine Filmreihe zu bioethischen Fragen initiiert. Gezeigt wurde auch der Film „Never Let Me Go“. Die 2013 mit dem Preis des Stiftungsrates der Uni Göttingen ausgezeichnet Reihe wird 2015 fortgesetzt.

Von Kornelia Schmidt-Hagemeyer

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