DT-Premiere "Indien": Tragisches Ende einer Männerfreundschaft

Tragisches Ende im Krankenhaus: Im DT-Stück „Indien“ steht Heinz Bösel (links, Gerd Zinck) seinem todkranken Freund Kurt Fellner (Ronny Thalmeyer) bei. Der Arzt (Klaus Biella) schweigt dazu. „Indien“ wird auch in Gasthäusern der Region gespielt. Foto: Müller/nh

Göttingen. Das Stück ist wie gemacht für eine Reise durch Südniedersachsens oder Nordhessens Gaststuben und Gasthaussäle: Das wenig aufwändig inszenierte, dafür durchaus sozialkritische Stück „Indien“ feierte am Sonntag eine äußerst gelungene Premiere im Deutschen Theater (DT) und soll nun durch das Ländle tingeln.

So, wie es Kurt Fellner und Heinz Bösel tun, unterwegs in Diensten des Niedersächsischen Fremdenverkehrsamtes. Für das prüfen die beiden mittelalten Herren, ob die ländlichen Gaststätten und Hotels die Qualitätsstandards einhalten. Bösel (Gerd Zinck) testet meistens die Schnitzel und Fellner (Ronny Thalmeyer) die Duschen und Toilettenspülungen. Die Wirte (Klaus Biella) sind unterschiedlich, die Bedienung durch selbige stereotyp.

Der (Arbeits-)Alltag zwischen Katlenburg und Kirchbrak ist so spannend wie das Putzen von frisch geernteten Quitten.

Bösel redet nur, wenn es sein muss, Fellner hingegen tut das überaus gerne, überzeugt sich selbst oft vom mühsam angelesenen Trivial-Pursuit-Wissen („Wie viele Zähne hat eigentlich ein Buckelwal?“). „Alle Wirte sind Volldeppen“, ereifert sich Bösel, während sich Fellner in abstruse Vergleiche flüchtet: „In Indien essen alle nur Reis. Wie langweilig muss dort die Landschaft sein?“ In Deutschland gibt es Schnitzel und Torten – „abwechslungsreich wie die Landschaft“.

Die Männer reden aneinander vorbei, interessen- und empathielos. Doch nach und nach hören sie sich zu, finden sogar Gefallen aneinander, respektieren sich. Und sie führen Männergespräche: über Frauen, über Sex, Potenz und über Enttäuschungen.

Aus Herrn Bösel und Herrn Fellner werden Kurt und Heinzi, am Ende sogar Freunde, die zusammen schimpfen, saufen, spotten und lachen. Bis das Duo gesprengt wird: Kurt liegt todkrank in der Klinik. Keiner redet mit ihm – auch nicht der Professor, der nach der Visite stets in die Kurzurlaube jettet. Doch Heinzi ist ja da, der gute Freund, der Kurt schließlich die letzten Worte über das, was wirklich wichtig ist im Leben, ins Ohr flüstert.

Es ist ein tragisches Ende der Geschichte der österreichischen Kabarettisten sowie Autoren Josef Hader und Alfred Dorfer, die schon einmal im DT lief, nun unter der Regie von Benjamin Hille und der Dramaturgie von Sonja Bachmann, aber frisch und regionalisiert daher kommt.

Das Publikum im DT-Keller belohnt die klare Inszenierung und die hervorragende schauspielerische Leistung von Gerd Zinck und Ronny Thalmeyer, die den Spagat zwischen zotigen Männersprüchen und nachdenklichen Gesprächsmomenten wunderbar hinbekommen, mit großem Applaus.

Die Qualitätsprüfungsreisenden können gebucht werden – wer das Stück „Indien“ im eigenen Saal spielen möchte, kann dies tun – Kontakt: Tel. 0551/4969-14.

Nächste Termine im DT-X-Keller: Dienstag, 29. November; Sonntag, 4. Dezember; Dienstag, 6. Dezember; Sonntag, 11. Dezember.

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