Gesellschaft für bedrohte Völker

Ehrenwert und umstritten: Tilman Zülch hört auf

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Macht Schluss: Tilman Zülch

Göttingen. Nach fast 50 Jahren an der Spitze der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) mit Sitz in Göttingen gibt der Tilman Zülch sein Amt als Generalsekretär auf. Zülch ist anerkannter Menschenrechtler, aber er ist auch umstritten.

Mit seinem Kommilitonen Klaus Guerke gründete der Politikstudent Zülch 1968 die „Aktion Biafra-Hilfe“, die Kriegsopfer in Nigeria unterstützt. 1970 entsteht daraus die Gesellschaft für bedrohte Völker, die Zülch zu einer der größten deutschen Menschenrechtsorganisationen entwickelt, die nach eigenen Angaben 15.000 Mitglieder hat und die UN und Europa-Rat berät.

Auch, weil sie sich immer wieder für Volksgruppen ein, „von denen keiner spricht“, so der Titel eines der von Zülch herausgegebenen Bücher. Im Fokus stehen auch Ureinwohner in Amerika und Asien, Kurden, Yeziden und verfolgte Christen im Nahen Osten.

Es ist maßgeblich der GfbV zu verdanken, dass in den 1980er-Jahren der Holocaust an Sinti und Roma und später die Gräueltaten des Bosnien-Kriegs (1992 bis 1995) ins öffentliche Bewusstsein rücken,

Für sein Engagement erhält der 77 Jahre alte Zülch 16 Preise und Auszeichnungen, darunter den Göttinger Friedenspreis, den Europäischen Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma und das Bundesverdienstkreuz.

1999 schreibt der Holocaust-Überlebende und Publizist Simon Wiesenthal an Tilman Zülch: „Sie haben eine Organisation mit gegründet und aufgebaut, die allen Menschen, die sich bedroht fühlen, eine Anlaufstelle für Hilfe bedeutet, mag die Bedrohung gegen Einzelpersonen oder Gruppen gerichtet sein.“

Intern beklagten GfbV-Mitarbeiter und ehrenamtliche Vorstandsmitglieder gelegentlich ein autoritäres Regiment des Generalsekretärs. 2012 eskalierte ein Streit über angeblich nicht belegte Zuweisungen und zu unrecht bezogene Gehälter in Strafanzeigen und dem Ausschluss von zwei Vorständen.

„Ein Drittel unserer Arbeitszeit verbringen wir gerade mit einer Art internem Bürgerkrieg“, sagte Zülch damals. Über Monate kommunizierten er und seine Widersache nur über Anwälte miteinander. Der Verdacht, dass er Geld veruntreut haben sollte, bestätigte sich nicht.

1980 war Zülch Mitgründer der Grünen in Göttingen. Ein Jahr später trat er wegen eines vermeintlichen Linkskurses der Partei aus. Mit linken Kräften in Göttingen gab es für den in Deutsch-Liebau (Sudetenland, Nordmähren) geborenen immer wieder Probleme: So rief sein frühes Engagement für ein Zentrum gegen Vertreibungen linke Demonstranten auf den Plan. Ihnen hielt Zülch entgegen: „Ihr seid auf einem Auge blind.“

Seine Gesellschaft für bedrohte Völker jedenfalls will Tilman Zülch politisch weder Links noch Rechts einordnen lassen.

Von 1985 bis 1989 wurde er übrigens mit einem DDR-Einreiseverbot belegt. Seine Stasi-Akte betrachtete er als „Anerkennung“ seiner Arbeit.

Übernimmt: Ulrich Delius

Sein Engagement wird er nach der Stabübergabe an seinen bisherigen Stellvertreter und Nachfolger, den Juristen Ulrich Delius (58) aus Göttingen nicht ganz einstellen: Als Berater für Kampagnen will sich der Ehrenbürger von Sarajewo er der Organisation eng verbunden bleiben. (tko/coe/epd)

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