Gutachter gab zunächst Entwarnung

Die Schwingungen von St. Cyriakus: Riss im Gewölbe

Überprüfung vor Ort: Gutachter Prof. Wolfram Kuhlmann (rechts) und Probst Thomas Berkefeld beim Betrachten der ersten Ergebnisse der Schwingungstests.
+
Überprüfung vor Ort: Gutachter Prof. Wolfram Kuhlmann (rechts) und Probst Thomas Berkefeld beim Betrachten der ersten Ergebnisse der Schwingungstests.

Vorsichtiges Aufatmen im Dekanat Untereichsfeld: Nachdem beim letzten Sylvester-Mitternachtsläuten aller sechs Glocken der Basilika St. Cyriakus in Duderstadt im Nordschiff der Probsteikirche Glassplitter aus einem Fenster herausgeplatzt und Mörtel heruntergerieselt war, hat ein Gutachter nach umfangreichen Untersuchungen zunächst einmal leichte Entwarnung gegeben.

Duderstadt – „Bereits am Neujahrstag hatte ein Architekt einen Riss entdeckt, der sich durch das Gewölbe des letzten Joches im Seitenschiff zieht und im Gurtbogen zum Hauptschiff endet“, sagt Propst Thomas Berkefeld. Seither habe man auf das volle Geläut verzichtet, die Glocken im Nordturm der Basilika schwiegen. „Vorsorglich wurde zunächst auch die Orgelempore gesperrt“, sagt Berkefeld. Nach einer Begutachtung durch einen Statiker sei diese Sperrung dann aber wieder aufgehoben worden.

Um zu klären, ob und wie der an Sylvester entstandene Schaden repariert werden muss und welche Sicherungsmaßnahmen nötig sind, wurde auf Empfehlung der Bauabteilung im Bistum Hildesheim nun Prof. Wolfram Kuhlmann, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Baudynamik, Erschütterungen und Schwingungen im Bauwesen, beauftragt, Schwingungsmessungen in der Basilika vorzunehmen. „Ziel der Untersuchungen war es, zeitgleich die Schwingungen der beiden Basilika-Türme zu messen, wenn die Glocken läuten“, erklärt Kuhlmann, der einen Lehrstuhl an der Fakultät für Bauingenieurwesen und Umwelttechnik der Technischen Hochschule (TH) Köln hat.

Die Messungen, die mittels zweier hochsensibler, in beiden Türmen an identischen Stellen postierter Sensoren vorgenommen wurden, erfolgten in mehreren Schritten. Zunächst wurden die vier Glocken des Südturms geläutet, dann die zwei Glocken des Nordturms. Anschließend ertönten alle sechs Glocken gleichzeitig – das so genannte „volle Geläut“, wie es in der Sylvesternacht üblich ist – und abschließend wurden noch einmal alle Glocken einzeln geläutet.

Riss im Gewölbe: Der Gutachter gab Entwarnung.

„Für die Beurteilung der Turmschwingungen sind zwei Dinge entscheidend“, sagt Wolfram Kuhlmann. „Zum einen die Schwinggeschwindigkeit, die beim Läuten der Glocken entsteht, zum anderen der Abstand der durch die Glocken erzeugten Erregerfrequenzen zur Eigenfrequenz der beiden Türme.“ Für die Ermittlung dieser Turm-Eigenfrequenz sei der Wind eine gute Basis. „Aber weil diese Eigenfrequenz abhängig ist von der Größe der Schwingungen, muss der Turm auch manuell aufgeschaukelt werden“, so Kuhlmann. Dazu werde im Bereich der zuvor ermittelten Eigenfrequenz mit Muskelkraft rhythmisch gegen die Wand gedrückt und dadurch könne die Turmeigenfrequenz dann noch genauer bestimmt werden.

Imposantes Gotteshaus: Die Basilika St. Cyriakus in Duderstadt wurde zwischen 1240 und 1490 im gotischen Stil erbaut.

„Aktuell sieht es so aus, dass die beiden Türme der Basilika St. Cyriakus maximal mit etwa drei bis fünf Millimeter pro Sekunde schwingen“, fasst Wolfram Kuhlmann die ersten Ergebnisse seiner Messungen zusammen. Damit befänden sie sich „an der Grenze zwischen unkritisch und einem Bereich, wie es nicht sein sollte“.

Video: Das Geläut von St. Cyriakus in Duderstadt

Die Frage, ob die durch das an Sylvester-Mitternachtsläuten erzeugten Schwingungen der Glocken die Ursache für den im Gewölbe entdeckten Riss waren, könne bis zur genauen Auswertung der Messergebnisse ebenso wenig beantworten wie die, ob Sicherungsmaßnahmen nötig sind und wenn ja welche.

Mit dem Abschlussbericht sei im Laufe des Sommers zu rechnen. Das heißt auch: Mindestens bis dahin müssen die Duderstädter wohl weiter auf das volle Geläut aller sechs Basilika-Glocken verzichten. (Per Schröter)

Hintergrund: „Eichsfelder Dom“ wurde im gotischen Stil erbaut

Die zwischen 1240 und 1490 im gotischen Stil erbaute, römisch-katholische Basilika St. Cyriakus (auch Propsteikirche) ist die Hauptkirche Duderstadts und des Untereichsfelds. In der Stadt wird sie auch Oberkirche, in der Region „Eichsfelder Dom“ genannt.

Durch ein päpstliches Dekret vom 17. Juni 2015 wurde das Gotteshaus am 3. Oktober 2015 zur „Basilica minor“ erhoben. Die beiden Türme der Basilika haben eine Höhe von knapp 65 Metern und prägen das Stadtbild Duderstadts.

Die größte der sechs Glocken ist die im Südturm hängende Gloriosa (Christusglocke) mit einem Durchmesser von 2,1 Metern und einem Gewicht von rund 5700 Kilogramm. Das Gesamtgewicht aller sechs Glocken beträgt rund 14 Tonnen. (per)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.