Investor will neues Stadtviertel bauen

Geschichtswerkstatt untersucht düsteres Kapitel: Grauenvolle Zustände in Gefangenenlager

Erinnern an das Duderstädter Kriegsgefangenenlager: Frauke Klinge und Günther Siedbürger mit einem Foto der Ziegelei Bernhard.
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Erinnern an das Duderstädter Kriegsgefangenenlager: Frauke Klinge und Günther Siedbürger mit einem Foto der Ziegelei Bernhard.

Tausende Kriegsgefangene wurden von Februar 1945 bis zum Einmarsch amerikanischer Truppen Anfang April in Duderstadt in der Ziegelei Bernhard zusammengepfercht. Mindestens 65 Alliierte starben.

Duderstadt – „An dieses Kapitel erinnert heute nichts mehr vor Ort“, bedauert der Göttinger Kulturwissenschaftler Günther Siedbürger. Er hofft auf Investor Hans Georg Näder, der das Gelände an der Ziegeleistraße 9 zum Jahresende erworben hat und dort ein neues Stadtquartier plant.

„Im Januar 1945 rückte die Rote Armee auf deutsches Gebiet vor“, berichtet der Göttinger. Die Wehrmacht räumte hastig ihre Lager im Osten. 250.000 Gefangene wurden mitten im Winter nach Westen getrieben. Die Verpflegung war schlecht. Die Menschen übernachteten während des mehrwöchigen Marschs in Scheunen, zum Teil auch unter freiem Himmel.

Als Durchgangslager auf dem Weg diente die Ziegelei in Duderstadt. Dort trafen unter anderem Gefangene aus Lagern in Schlesien ein. Die Wehrmacht brachte die Soldaten in einem Gebäude unter, in dem zuvor auf mehreren Etagen Ziegel getrocknet worden waren. Wie es dort zuging, entnahm Siedbürger Protokollen von Befragungen, die die westlichen Siegermächte nach der Befreiung anfertigten. Er fand zudem Berichte einstiger Gefangener im Internet.

Eng und dunkel war es demnach im Trockengebäude. Läuse und Wanzen quälten die Bewohner. Die Menschen teilten sich im Hof eine primitive Latrine sowie eine einzige Handpumpe. Viele der abgemagerten Gefangenen litten unter Ruhr, Typhus und Lungenentzündung. Wenn den Wachen das Gedränge an der Essensausgabe zu groß war, schlugen sie mit Gewehrkolben auf die Menschen ein, stachen mit Bajonetten zu. Das Aufsetzen von Teewasser bestraften sie mit dem Tode. Nachts feuerten Aufseher grundlos auf die Fenster, Mindestens ein Gefangener starb dabei. Die vielen Leichen wurden mit dem Handwagen zum örtlichen Friedhof St. Paulus transportiert und dort beigesetzt.

Die Wehrmacht kommandierte einen Teil der insgesamt 15 000, vielleicht sogar 20 000 allierten Soldaten im Durchgangslager zur Zwangsarbeit in örtliche Betriebe ab, fand Siebürger heraus. Andere mussten weiter nach Blankenburg, Braunschweig oder zur Ostsee marschieren.

Die Verhältnisse in Duderstadt schockierten insbesondere Soldaten aus den USA und den Commonwealth-Staaten, die von der Wehrmacht lange Zeit vergleichsweise gut behandelt worden waren. Gefangene aus slawischen Ländern galten den Nazis dagegen von Anfang an als Menschen zweiter Klasse.

Der Kulturwissenschaftler weiß seit 20 Jahren von dem Duderstädter Lager. Damals forschte er über zivile Zwangsarbeiter im damaligen Landkreis Göttingen. Er griff das Thema auf, als der Kreistag im vergangenen Jahr die Geschichtswerkstatt Göttingen mit einer Bestandsaufnahme aller Gedenkorte für Opfer des Nazi-Regimes beauftragte. Eine Infotafel und Schulprojekte, die Aufarbeitung der Berichte ehemaliger Ziegelei-Gefangener sowie die Kontaktaufnahme mit deren Hinterbliebenen regt Frauke Klinge von der Geschichtswerkstatt an. (Michael Caspar)

Ottobock-Chef plant neues Stadtviertel in Duderstadt

Ein neues Stadtviertel plant Investor und Unternehmer Hans Georg Näder auf dem sieben Hektar großen Gelände der ehemaligen Ziegelei Bernhard. Das berichtet Karsten Ley, der in Näders Auftrag die Bauleitplanung begleitet.

Auf der Hälfte des Areals sollen Geschosswohungen sowie 60 bis 70 Tiny Houses entstehen, Häuser mit einer Wohnfläche mit jeweils rund 100 Quadratmetern. Ein Viertel des Geländes ist als Gewerbefläche vorgesehen. Ein weiteres Viertel mit der ehemaligen Tonkuhle, die sich zum Biotop entwickelt hat, soll der Naherholung dienen.

Derzeit lässt der Ottobock-Chef prüfen, welche der alten Fabrikgebäude abgerissen werden. Das ehemalige Trockengebäude des 1874 von Carl und Emma Bernhard gegründeten Unternehmens ist stark baufällig. „Wir überlegen, ob wie einen Teil der Fabrik als ehemaliges Industriedenkmal in Szene setzen“, sagt Ley. Auch über einen Erinnerungsort an das Kriegsgefangenenlager dächten sie nach. (zmc)

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