Katholisches Eichsfeld ließ sich nicht vereinnahmen

Staatssicherheit machte in Heiligenstadt vor Pfarrer nicht halt

Prozession am Palmsonntag in Heiligenstadt
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Prozession am Palmsonntag in Heiligenstadt: Dem DDR-Regime gelang es nicht, den traditionellen Einfluss der katholischen Kirche im Eichsfeld zu brechen.

Angehörige des Staatssicherheitsdienstes saßen sonntags in den Kirchenbänken, Spitzel mischten sich unter die Teilnehmer der Wallfahrten: Die Stasi war allgegenwärtig, um das katholische Milieu im Eichsfeld zu kontrollieren und aufzuweichen.

Eichsfeldkreis – Das sei aber nicht gelungen, bilanziert der Historiker Dr. Christian Stöber (Hüpstedt) in seinem Buch „Rosenkranzkommunismus“, das er demnächst im Grenzlandmuseum in Teistungen vorstellen wird.

Stöber hat bei seinen mehrjährigen Nachforschungen viele Belege dafür gefunden, dass die Stasi auf ein dicht geknüpftes Netz von Zuträgern bauen konnte: Die Kreisdienststelle Heiligenstadt dürfte um die 50 Mitarbeiter gehabt haben, sie führten aber 256 inoffizielle Mitarbeiter aus allen gesellschaftlichen Bereichen.

Ein Schwerpunkt war laut Stöber das Volkspolizeikreisamt: 30 der insgesamt 220 VP-Angehörigen arbeiteten für die Staatssicherheit.

Die Anbahnung der Städtepartnerschaft zwischen Heiligenstadt und Husum wurde akribisch überwacht, wie ausführliche Berichte zeigen.

Kulturleben, Betriebe und die CDU waren weitere Felder für Stasi-Aktivitäten. Gleich zwei Stasi-Informanten gab es laut Stöber in der Redaktion einer Heimatzeitschrift.

Der Geheimdienst versuchte, Spitzel in die kirchlichen Gremien einzuschleusen. Es galt, den traditionellen Einfluss der katholischen Kirche in der Region zu brechen. „Eine komplette Durchdringung des Bereiches gelang jedoch nicht“, stellt der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in einem Report fest.

Geistliche seien gezielt überwacht worden. Ein Beispiel war der Pfarrer von St. Gerhard in Heiligenstadt, Pater Elmar Eckardt, bekannt dafür, ein offenes Wort von der Kanzel zu riskieren. Er hatte die staatliche Jugendweihe als „rote Ersatzweihe“ bezeichnet. Die Stasi ermittelte gegen den Geistlichen. Es gelang ihr jedoch nicht, eine staatsfeindliche Haltung zu belegen. Eckart wurde bei seinen Vorgesetzten denunziert – und trat nach eigenem Bekunden fortan etwas gemäßigter auf. Er wollte keine Ausweisung aus der DDR riskieren.

Für das SED-Regime in Berlin war das bodenständige und katholische Eichsfeld ein harter Acker. Die SED legte schon 1959 einen Eichsfeldplan als Strukturprogramm auf, das mit einer Milliarde DDR-Mark ausgestattet war. Leinefelde sollte einzige sozialistische Stadt in Thüringen werden. (Werner Keller)

Vortrag zum Thema

Vortrag: Rosenkranzkommunismus, Dr. Christian Stöber, Donnerstag, 15. Oktober, 19 Uhr, Grenzlandmuseum Teistungen.

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