„Maxe“ auf Horchposten

Wie die Stasi die katholische Kirche im Eichsfeld ausforschte

+
Leitet das Eichsfelder Heimatmuseum: Dr. Torsten W. Müller.

Eichsfeldkreis – Wenn der Pfarrer sonntags in der Kirche in Leinefelde die Predigt hielt, hatte er einen ganz besonders aufmerksamen Zuhörer: IM „Maxe“ registrierte alles, was gegen die SED oder den Staat gerichtet war.

34 Jahre, seit 1953 bis wenige Jahre vor der Wende, hatte Maxe von der Stasi den Auftrag, die katholische Kirche im Eichsfeld auszukundschaften.

Hinter dem Decknamen verbarg sich ein Verwaltungsmitarbeiter und CDU-Mitglied mit vielfältigen Kontakten in kirchliche Zirkel. Maxe sollte nicht nur die Gottesdienste besuchen, sondern auch Informationen über die Geistlichen und die Mitglieder der Kirchenvorstände sammeln. Das ging bis zu Erbschaftsangelegenheiten von Amtsträgern.

Nachzulesen in dem Buch „Leinefelde im Sozialismus“, das jetzt zum 50-jährigen Stadtjubiläum erschienen ist.

Dr. Christian Stöber, wissenschaftlicher Leiter des Grenzmuseums Schifflersgrund, und Dr. Torsten Müller, Leiter des Eichsfeldmuseums in Heiligenstadt, haben das Spannungsfeld zwischen SED-Staat und katholischem Milieu erforscht.

Der Spitzel wurde straff geführt, es gab regelmäßige Treffen mit dem Offizieren der Stasi-Kreisdienststelle Worbis und es gab Berichtspflicht. Gezielt sollte Maxe herausfinden, wie das Verhältnis der Kirchenvorstandsmitglieder zum Pfarrer war. Und er im sollte die Stimmung in der Gemeinde erforschen. Erwünscht waren ungeschminkte Berichte z.B. über Versorgungsprobleme in der Region und über oppositionelle Umtriebe im Umfeld des 13. August (Jahrestag des Mauerbaus).

Hinter allem steckte der Versuch, so die Autoren, das katholische Milieu zu unterwandern. Die katholische Kirche im Eichsfeld war der SED ein Dorn im Auge. Die kritische Distanz zum System hatte sich bis zur Regierung in Ostberlin herumgesprochen. Sie legte einen Eichsfeldplan auf, der mit einer Milliarde Mark dotiert war. In diesem Zuge sollte Leinefelde durch Industrieansiedlungen zur sozialistischen Musterstadt entwickelt werden.

Müller stieß auf 22 Berichtsbände des IM Maxe. Dies sei der größte Fundus in der jüngsten Stadtgeschichte, schreiben der Historiker. „Ein exzellenter Einblick in das Verhältnis Kirche-Staat“ heißt es.

Fazit: die katholische Kirche habe sich nie in Randbereiche der sozialistischen Stadt Leinefelde zurückdrängen lassen oder gar ganz integrieren lassen. In der Frontstellung zwischen Stadt und Kirche sei dies ein atypisches Beispiel. Maxe habe der Kirche nicht wirklich schaden wollen, er sei einfach nur ein Opportunist gewesen.  wke

Torsten Müller/N. Hünger (Hrsg.), Leinefelde im Sozialismus, Leinefelde-Worbis 2020, 12 Euro, zu beziehen über die Stadtverwaltung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.