Psychologen der Uni Göttingen

Forschung: Wie treffen Menschen moralische Urteile?

Göttingen. Auch wenn es um Leben und Tod geht – in moralischen Fragen entscheiden sich Menschen nicht nur nach reiflicher Überlegung. Im Gegenteil, sagen Psychologen der Universität Göttingen.

„Moralische Urteile werden meist unbewusst, intuitiv gefällt“, so Alexander Wiegmann vom Georg-Elias-Müller-Institut. Mit Kollegen der Abteilung Kognitionswissenschaften und Entscheidungspsychologie untersucht er, welche Faktoren für moralische Urteile ausschlaggebend sind.

„Man denkt, es geht um Prinzipien“, sagt Wiegmann. „Tatsächlich haben stabile Überzeugungen keine großen Effekte.“ Bedeutsam sei vielmehr der Situationszusammenhang. Allein die Reihenfolge, in der Testpersonen moralische Grenzfälle vorgestellt werden, kann das Urteil komplett auf den Kopf stellen.

Was ist ein Leben wert?

Jonas Nagel

Zu diesem Ergebnis kamen die Forscher in einem Experiment mit einem moralischen Dilemma: Eine außer Kontrolle geratene Straßenbahn droht fünf Personen auf dem Gleis zu überrollen. Durch Umstellen einer Weiche könnte die Bahn auf ein Gleis mit nur einer Person gelenkt werden. Nur eine Minderheit der Befragten lehnte das Umstellen der Weiche ab. Die Mehrheit war bereit, den Tod eines Menschen Kauf nehmen, um fünf Leben zu retten.

Eigenhändig einen Mann von einer Brücke zu stoßen, um mit seinem Gewicht die Bahn zu stoppen und so fünf Menschen zu retten, beurteilen dagegen 90 Prozent der Befragten als nicht akzeptabel.

Alexander Wiegmann

Ein ganz anderes Bild ergibt sich, wenn den Testpersonen die beiden Situationen in umgekehrter Reihenfolge präsentiert werden. 90 Prozent sind wieder dagegen, einen Mann von der Brücke zu stürzen, um den Zug zu stoppen. Allerdings sind nun auch ähnlich viele Befragte gegen das Umlenken des Zuges auf ein Gleis mit einem Opfer, um die fünf Menschen auf dem andern Gleis zu retten.

Auch wenn die Situation komplex ist – „moralische Urteile werden schnell und intuitiv gefasst“, so Dr. Hansjörg Neth. Früher habe man die Befragten aufschreiben lassen, warum sie sich so oder anders entschieden haben. Doch die Auswertung ergab, dass die genannten Gründe nicht die tatsächlichen Gründe für die Entscheidung waren. Der eigentlichen Faktoren seien sich die Menschen oft nicht bewusst, sagt Wiegmann.

Überraschend sind auch die Erkenntnisse der Forscher zur Bedeutung von Nähe und Distanz im Zusammenhang mit menschlicher Hilfsbereitschaft. Auf den ersten Blick scheint die Frage, ob ein Verhungernder in der Göttinger Innenstadt uns mehr berührt als ein Verhungernder in Afrika klar.

Räumliche Nähe bedeute üblicherweise, zu sehen, was vor sich geht, effektiver helfen und den Erfolg der Hilfe kontrollieren zu können, erklärt Jonas Nagel. Dies führe zu dem Gedanken: „Weil ich nahe bin, fühle ich mich eher verpflichtet zu helfen.“

Hilfsbereitschaft

Doch was ist, wenn man zum Beispiel per Video trotz Entfernung sehen, durch Spenden helfen kann und es zudem sicher ist, dass die Hilfe ankommt? In diesem Fall, so Jonas Nagel, spiele die räumliche Entfernung zwischen Helfer und Notsituation für die Hilfsbereitschaft keine Rolle mehr.

Offenbar verändern die technischen Möglichkeiten unserer modernen Welt auch bei moralischen Entscheidungen die Bedeutung von Distanz.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.