Wandmalereien des Psychiatrie-Patienten Julius Klingebiel als Rauminstallation

Eine Zelle als Kunstwerk

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Ortstermin: Der Ärztliche Direktor des Asklepios Klinikums in Göttingen, Dr. Manfred Koller (links) und der frühere Direktor des Landeskrankenhauses Wunstorf, Professor Andreas Spengler, sind fasziniert von den Wandmalereien.

Göttingen. Das „Feste Haus“ in Göttingen ist nicht gerade eine Adresse für Kunstliebhaber. In dem hoch gesicherten Gebäude, das heute zum Maßregelvollzugszentrum Moringen gehört, sind etwa 30 psychisch kranke Straftäter untergebracht. Die Öffentlichkeit hat keinen Zutritt.

Deshalb kennt auch kaum jemand den kulturellen Schatz, der sich in Zelle 117 im ersten Obergeschoss befindet: Hier hat in den 1950-er Jahren der Psychiatrie-Patient Julius Klingebiel (1904 bis 1965) aus Hannover eingesessen und unermüdlich die meterhohen Wände seiner Zelle bemalte. Heute gelten seine Wandmalereien als eines der bedeutendsten Werke der so genannten „Outsider“-Kunst. Um das Ensemble zu retten und bekannt zu machen, haben die Direktoren dreier früherer Landeskrankenhäuser (Wunstorf, Moringen und Göttingen) in einer gemeinsamen Initiative die Zelle rekonstruieren lassen. Sie ist jetzt als begehbare Rauminstallation erlebbar.

Zwölf Jahre – von 1951 bis 1963 – war Justus Klingebiel in der knapp zehn Quadratmeter großen Zelle untergebracht, die er durch die Malereien zu „seiner“ Zelle machte. Nur einen schmalen Streifen unter der Decke ließ er unbemalt, ansonsten hat er nicht einen Quadratzentimeter frei gelassen. Seine Malereien bilden ein beeindruckendes Sammelsurium an Formen und Motiven, die durch die mosaikartige Gestaltungsweise seltsam starr wirken.

Die Wandflächen sind bevölkert von Löwen, Tigern und anderen exotischen Tieren. Am stärksten ins Auge fallen die großen Darstellungen indischer Axis-Hirsche. Diese Tiere seien Mitte der 1920-er Jahre im Zoo Hannover zu sehen gewesen, sagte am Montag der Facharzt für Psychiatrie und frühere Direktor des Landeskrankenhauses Wunstorf, Professor Andreas Spengler. Vermutlich habe Klingebiel häufiger den Tierpark besucht. Was er als Psychiatriepatient in seiner Zelle geschaffen habe, sei hochkarätige Kunst: „Weltweit gibt es gerade mal eine Handvoll vergleichbarer Ensembles“, sagte Spengler.

Hitler in Redner-Haltung

Klingebiel hat sein Werk nie als fertig betrachtet, sondern immer wieder einzelne Partien übermalt. Auffällig ist sein Bemühen, durch Linien, Umrahmungen und andere strukturierende Elemente in dem Gewusel unterschiedlichster Motive eine Ordnung zu schaffen. Immer wieder malte er Wimpel, Fahnen und Abzeichen, außerdem Schiffe, Zeppeline, Raketen und Flugzeuge sowie zahlreiche Männer- und Frauengestalten. Auch die politische Entwicklung thematisierte er, an einer Stelle ist beispielsweise Adolf Hitler in typischer Redner-Haltung abgebildet. Dass Julius Klingebiel die NS-Zeit überlebt hat, grenzt an ein Wunder. (pid)

Von Heidi Niemann

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