Hilfe bei der Entwöhnung

Entwicklung von Göttinger Mediziner: Rauchen abgewöhnen mit Smartphone-App

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Der Entwickler der Raucher-App: Dr. Tobias Raupach

Göttingen. Das Smartphone als unerlässlicher Helfer auch bei der medikamentös unterstützten Raucherentwöhnung – das könnte bald Wirklichkeit werden. Der Göttinger Wissenschaftler Dr. Tobias Raupach entwickelt eine App, die dem Raucher bei der Entwöhnung und in Entzugsphasen Hilfe gibt.

„Es gibt schon Apps, die Rauchern helfen können, aber unsere wird Rauchern, die eine medikamentöse Entwöhnung machen, auch bei der Dosierung der Medikamente helfen – das ist neu.“ Diese exakte Dosierung sei enorm wichtig, denn nur dann ist sei Wirkung optimal.

Momentan wird die App „gebaut“. Beteiligt sind daran neben dem UMG-Entwöhnungspraktiker Raupach auch Experten am University College London. Sie verfügen über große Erfahrungen bei der Wirksamkeit von Methoden zur Tabakentwöhnung, die von Medikamenten über Verhaltenstherapie bis zu Online-Angeboten reichen.

Eine Rolle für das App-Angebot spielen auch die psychologischen Hintergründe von Suchterkrankungen und der Behandlung. So wird die App, die etwa in zwei Jahren verfügbar sein soll, viel mehr als nur die Dosierung der Medikamente im Auge haben.

Zunächst wird die App in England getestet: Dort werden 1000 Raucher eine App wählen können. Der Zufall wird entscheiden, ob sie die wirksame Variante oder ein Placebo-Angebot erhalten. Letzteres bietet nur Standardhilfen für Raucher in der Entwöhnung. Die wirksame App hingegen bietet den Zusatz Medikamenten-Dosierung. Man will so herausfinden, was bei der Entwöhnung per App-Unterstützung hilft.

Mit dem App-Erfinder im Gespräch

Herr Raupach, eine App zur Raucherentwöhnung, muss das sein, und was bietet die App?

Dr. Tobias Raupach: Es gibt zwar schon Apps, aber unsere App wird konkret bei der Dosierung der Medikamente und der richtigen Anwendung helfen. Nur dann ist die gewünschte Wirkung zu erreichen. Allgemein gesagt: Zusätzlich zu der Verhaltensunterstützung per App, die es schon gibt, kommt jetzt bei uns die Hilfe für Menschen, die sich Medikamente zur Entwöhnung besorgt haben.

Kommt eine falsche Dosierung denn häufig vor?

Raupach: Es gibt ganz neue Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass bei Rauchern, die in die Apotheke gehen und sich Nikotinersatzmittel wie Pflaster oder Kaugummi kaufen, scheinbar keine Wirkung eintritt. Es fehlt die ständige, fachgerechte Anleitung zur korrekten Verwendung. Das einzige, was man dann davon hat, sind schlimmstenfalls Nebenwirkungen.

Helfen Mittel wie Pflaster und Kaugummi grundsätzlich nicht?

Zur Person:

Dr. Tobias Raupach ist 37 Jahre alt und gebürtig aus Kassel. Er studierte Medizin in Göttingen und London. Seit 2004 arbeitet er in der UMG, jetzt am Herzzentrum und als Leiter der Raucherentwöhnungsambulanz. Der Internist und Kardiologe Raupach kooperiert mit der University College London und den renommierten Suchtmedizinern um Prof. Robert West.

Raupach: Nun, diese Mittel wurden in klinischen Studien getestet. Ergebnis: Die Mittel helfen. Die Chance, dass man rauchfrei bleibt, verdoppelt sich unter Einnahme der Medikamente. Das haben wir in der Ambulanz in Göttingen auch festgestellt. Aber in Studien und der Ambulanz wird der Raucher angeleitet, wie er mit Medikamenten umgehen soll. Wenn man sich aber die Sachen kauft und ohne Anleitung nimmt, dann wirkt es nicht. Bei der richtigen Anwendung, die die Wirksamkeit garantiert, setzt unsere App an.

Kann sich ein Raucher später allein auf die App verlassen?

Raupach: Die beste Kombination ist die Einzelberatung oder Gruppentherapie plus die medikamentöse Unterstützung. Für viele ist das aber zu zeitaufwändig. Für solche Fälle kommt die App ins Spiel, die personalisiert eingesetzt werden kann. Aber die Wirksamkeit der App muss in unserer Studie hier in England noch getestet werden.

Wie kommen die Testpersonen in England an die App?

Raupach: Bei Ausgabe der Medikamente erhalten sie einen Code zum Herunterladen der App. Das wäre später hier in Deutschland auch über die Apotheken möglich. Die Testphase wird in etwa zwei Jahren beendet sein, dann wissen wir mehr über unsere App.

Angebot der UMG

Am Eindämmen des blauen Dunstes wird an der Universitätsmedizin Göttingen seit einem Jahrzehnt gearbeitet: Die Raucherentwöhnungsambulanz der UMG gibt es seit zehn Jahren. Hier finden Raucher, die die Sucht besiegen wollen, individuelle Beratungen und Gruppen-Entwöhnungskurse. Entwöhnungswillige Raucher können sich jederzeit unter Telefon 0551/39-6322 in der Ambulanz melden.

Von Thomas Kopietz

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