Der Erklärer der schwierigen Welten

Auftakt und Ehrung: Harald Lesch erhält die Science Communication-Medaille der Wissenschaftsreihe im Literaturherbst aus den Händen von Prof. Helmut Grubmüller (MPI für biophysikalische Chemie). Foto: Kopietz

Göttingen. Der Astrophysiker und Fernseh-Wissenschaftsjournalist Harald Lesch lieferte zum Auftakt des Literaturherbstes am Freitag in der Paulinerkirche einen bemerkenswerten Auftritt.

„Er ist der Physiker mit den meisten Zuschauern in Deutschland.“ Die neidlose Anmoderation von Prof. Helmut Grubmüller vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen traf den Kern. Harald Lesch ist ja der Ranga Yogeshwar des ZDF. In Abenteuer Forschung bringt er komplexe Themen allgemeinverständlich rüber.

Das ist, wie Lesch sagt, gar nicht einfach. Denn die Spitzenforschung in Chemie und Physik passiere auf einem Niveau, das kaum vereinfacht und dennoch korrekt in wenigen Zeilen oder knappen Fernseh-Berichten vermittelbar ist. Der komprimierte, unter Zeitdruck stehende Journalismus passe nicht zur Spitzenwissenschaft, die extrem fokussiert ist. „Forschungsarbeit ist heute meist viel zu weit weg vom Alltag der Menschen.“

Vielleicht deshalb wagt sich der Wissenschaftler und vorzügliche Erklärer an die abgehobenen Themen heran, wie die „Entdeckung des Higgs-Teilchens“, das er mit einigen seiner Studenten in Buchform beackert hat.

Wer in der Paulinerkirche eine Lesung und nüchterne Bewertung erwartet hatte, lag falsch. Lesch weist zwar auf die Theorie des Higgs-Feldes, das jeden Winkel des Universums durchsetzt, aus den 60er-Jahren hin, sorgt aber in den vielen Nebensätzen auch oft für Amüsement: „So eine Theorie kommt den Wissenschaftlern natürlich im Sommer in den Sinn, wenn sie nichts zu tun haben.“

Aber Lesch macht auch fein formuliert die Leistung der Super-Technologie verständlich, so des Teilchenbeschleunigers am CERN bei Genf. „Der ist so präzise: Wenn Sie in Lissabon und New York zeitgleich eine Nähnadel abfeuern würden, dann träfen sich die Nadeln mitten über dem Atlantik.“

Am Ende weiß zwar nicht jeder der Paulinerkirche-Besucher, was es mit dem Teilchen genau auf sich hat, aber er nimmt viel mit, auch, dass ein Top-Wissenschaftler wunderbar erklären kann und nebenbei noch viel mitten und kritisch im Leben steht: „Der Mensch muss den digitalen Schwitzkasten mit E-Mails und Sozial-Media immer wieder verlassen, innehalten, denken. Wir leben von den Zwischentönen und die sind analog.“

Ein kritischer Hochschullehrer ist er ohnehin: Den Bologna-Beschluss hätten damals die Verantwortlichen aus Langeweile nach einem deftigen Essen ausgebrütet. Und in der ökonomisierten Wissenschaft müsse zunächst Aufmerksamkeit erregt werden – auch in den Magazinen wie „Nature“.

Viele Wissenschaftler im Raum nicken zustimmend. Riesenapplaus am Schluss für Harald Lesch, der auch noch die Medaille der Wissenschaftsreihe im Literaturherbst erhielt.

Von Thomas Kopietz

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