Zum Fall Chico

Expertin für schwierige Hunde: "Vierbeiner nicht vermenschlichen"

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Trainerin mit besonderem Händchen: Vanessa Bokr betreibt die „Hellhound Foundation“, wo verhaltensauffällige Hunde betreut und trainiert werden.

Bispingen. Sie ist Expertin im Umgang mit Problemhunden. Aber hätte Vanessa Bokr dem Staffordshire-Mischling Chico helfen können, der seine Halter totgebissen hat?

Vanessa Bokr kümmert sich um Hunde, mit denen die Besitzer oder Tierheime nicht mehr fertig werden. Sie warnt davor, die Vierbeiner zu vermenschlichen. 

Die Wunden an Bokrs Oberlippe sind gerade verheilt, ihre Mitarbeiterin trägt seit vier Wochen einen Verband am Arm. Bokr (30) betreibt eine Einrichtung für verhaltensauffällige Hunde und oft bedeutet das: Die Hunde sind bissig. Beinahe täglich rufen überforderte Halter oder Tierheime an und fragen nach einem Platz im Haus für „Höllenhunde“, wie die Hundetrainerin die vierbeinigen Bewohner selbst nennt. Doch die Kapazitäten sind ausgeschöpft.

40 Hunde vom Dackel-Mischling bis zum Rottweiler hält Bokr. Es sind Tiere, die ansonsten eingeschläfert worden wären. Bundesweites Aufsehen erregte zuletzt die Einschläferung des Staffordshire-Terriers Chico. „Ein Hund, der wie Chico zum Schutz gekauft wird, muss klar ausgebildet werden“, sagt Bokr. „Das ist nicht passiert. Dann ist die Situation nach jahrelanger falscher Haltung eskaliert.“ Sie und ihr Team der „Hellhound Foundation“ hätten Chico trainieren und resozialisieren können, da ist sich die Spezialistin sicher.

Einschläfern eine Lösung

Im Fall Chico wägt sie ab: „Wir können zurzeit keinen Hund aufnehmen. Dieser hat zwei Menschen getötet. In diesem Fall ist auch Einschläfern eine Lösung. Ich mag Hunde, aber wir müssen auch unsere eigene Art schützen. Es gibt viele Chicos, und es wird immer mehr geben.“

Bokr ist zierlich, doch sie kann stärker sein als ein 45-Kilo-Rottweiler. Ihre Stärke liegt in der klaren inneren Haltung zum Hund. Die fehle vielen Haltern, sagt sie: „Mein Hund ist nicht mein Freund. Seit Jahrtausenden werden Hunde zum Bewachen, Jagen und Hüten gezüchtet“, erklärt sie. „Auf einmal sollen sie Kuscheltier sein oder Kinderersatz. Das funktioniert nicht. Wir dürfen Hunde nicht vermenschlichen.“

Wenn Menschen ihren Hund nach optischen Gesichtspunkten aussuchen statt nach Rasse-Merkmalen, könne vieles schieflaufen, warnt die Expertin: „Hunde besitzen eine Genetik, die eine bestimmte Aufgabe verlangt.“

Die Probleme mit schwierigen Hunden seien menschengemacht und würden sich stetig verstärken, warnt Bokr. „Die wenigsten Menschen trauen sich noch an solche Hunde heran. Deswegen ist unsere Arbeit so notwendig.“ Finanziert wird die „Hellhound Foundation“ über Spenden, außerdem müssen Halter oder Tierheime einmalig 850 Euro plus monatlich 70 Euro für die Aufnahme eines Hundes zahlen. (dpd/lni/ana)

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