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Forderung nach Neubewertung: Tödliche Attacke als Verbrechen einstufen

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Infomierte in Rosdorf über den tödlichen Messerangriff auf Alexander Selchow vor 31 Jahren: Markus Müller (rechts) war beim Sommerfest am Familienzentrum mit einem Stand vertreten.
Infomierte in Rosdorf über den tödlichen Messerangriff auf Alexander Selchow vor 31 Jahren: Markus Müller (rechts) war beim Sommerfest am Familienzentrum mit einem Stand vertreten. © Michael Caspar

Eine tödliche Attacke von zwei Skinheads auf einen jungen Rosdorfer vor mehr als 20 Jahren sorgt bis heute für Diskussionen. Wird die Tat noch als „politisch motiviertes Verbrechen“ eingestuft?

Rosdorf – Das Land wird die Ermordung eines jungen Mannes aus Rosdorf bei Göttingen durch zwei Skinheads 1991 wohl nicht nachträglich als „politisch motiviertes Verbrechen“ einstufen. Das hat das Niedersächsische Ministerium für Inneres und Sport auf Nachfrage erklärt.

Eine Neubewertung der Tat fordert die Rosdorfer Erklärung. Verfasst worden ist sie von der Arbeitsgemeinschaft, die 31 Jahre nach dem Verbrechen für ein dauerhaftes Gedenken an das Opfer sorgen will. „Nur wenn das Verbrechen klar benannt wird, lassen sich ähnliche Taten in Zukunft verhindern“, argumentiert AG-Sprecher Karsten Knigge. Rosdorfs Orts- und Gemeinderat tragen die Erklärung parteiübergreifend mit.

Tödliche Attacke auf jungen Rosdorfer: Haupttäter sprach im Prozess

Für Knigge liegt der Fall klar. Die beiden 17-jährigen Täter gehörten der – 1996 verbotenen – Neonazi-Gruppe Freiheitliche Arbeiterpartei an. Sie verkehrten im Haus des damaligen FAP-Landesvorsitzenden im Mackenrode. Der Haupttäter gab im Prozess zu Protokoll, dass er in der Tatnacht „noch herumschwirrende Linke“ habe „durchklopfen“ wollen. In dieses Opfer-Schema passte der 21-jährige Alexander Selchow.

Nach Einschätzung des Ministeriums, so Pressesprecherin Svenja Mischel, könne „zwar nicht mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden“, dass es sich um eine „rechtsmotivierte“ Tat gehandelt habe. Dagegen sprächen jedoch Hinweise auf „sogenannte Täter-Opfer-Beziehungen“. „Die jungen Menschen kannten sich“, bestätigt Knigge. Er warnt aber davor, einen politischen Mord „herunterzuspielen“. Eine solche „Tendenz“ beobachtet die AG bei den Strafverfolgungsorganen.

Tödliche Attacke auf jungen Rosdorfer: Bewertungsschema für Straftaten

Pressesprecherin Mischel berichtet, dass die Ständige Konferenz der Innenminister und -senatoren 2001 ihr bisheriges Bewertungsschema für Straftaten grundlegend überarbeitet hat. Der damals eingeführte Kriminalpolizeiliche Meldedienst zu politisch motivierter Kriminalität orientiert sich nicht mehr wie zuvor am Extremismusbegriff. Stattdessen fragen die Beamten, ob eine politische Motivation zur Tat führte. Sie berücksichtigen zudem Deliktsqualität, Themenfeld und Phänomenbereich sowie internationale Bezüge und extremistische Kriminalität.

Nach dem neuen Raster werden seither systematisch alle politischen Straftaten bundesweit einheitlich erfasst, führt die Pressesprecherin aus. Die Beamten aktualisieren die Bewertungen, wenn es neue Informationen etwa von Seiten der Staatsanwaltschaften und Gerichte gibt. Keine Berücksichtigung finden dagegen Taten, die vor 2001 begangen worden sind. Zu diesem Zeitpunkt waren die Rosdorfer Täter bereits ermittelt, angeklagt und verurteilt.

Tödliche Attacke auf jungen Rosdorfer: Hoffnung auf Kommission

Trotzdem, so Mischel, habe sich das Landeskriminalamt 2012 - nach der Enttarnung des Nationalsozialistischen Untergrunds - erneut des „Altfalls“ angenommen. Die Beamten seien aber zu keinem anderen Ergebnis gekommen als zuvor. Knigge versteht das nicht. Er hofft auf eine Kommission des Landes. (Michael Caspar)

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