Rückschlüsse auf Entstehung der Artenvielfalt

Forscher finden Fossilien aus der Tiefsee in den Alpen

Überbleibsel der Tiefsee: In den Alpen fanden auch Göttinger Wissenschaftler seltene Fossilien, wie diesen Seeigel. Foto: pug/nh
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Überbleibsel der Tiefsee: In den Alpen fanden auch Göttinger Wissenschaftler seltene Fossilien, wie diesen Seeigel. Foto: pug/nh

Göttingen. 180 Millionen Jahre alte Ablagerungen in den Salzburger Alpen haben Wissenschaftlern einen Schatz freigegeben: Sie fanden dort 70 verschiedene Tiefsee-Organismen wie Seesterne, Schnecken und Seeigel. Diese Tiefsee-Fossilien-Funde sind in Alter und Anzahl selten.

Die Erkenntnis aus dieser spektakulären Entdeckung: Die Bedeutung der Tiefsee als Ort der Entstehung und der Erhaltung von Artenvielfalt ist wesentlich größer als bisher angenommen. Um so kritischer sollten die Auswirkungen der tiefen Schleppnetz-Fischerei und des aktuell geplanten Erzabbaus in der Tiefsee geprüft werden“, sagt Ben Thuy, Erstautor der Studie vom Naturhistorischen Museum in Luxemburg, vormals Uni Göttingen.

Durch einen Vergleich mit heute noch lebenden Verwandten konnten die Forscher zeigen, dass die Anpassung an die Tiefsee zwar vor Aussterben schützt, sie deswegen aber noch nicht das Ende der Evolution von Organismen bedeutet, die im harten Konkurrenzkampf in küstennahen Regionen nicht mehr bestehen können.

Im Gegenteil, die Studie zeigt einen dynamischen Austausch von Artenvielfalt zwischen Tiefsee und Schelfmeeren. „In den vergangenen Jahren hat sich unter Biologen die Meinung etabliert, die Lebenswelt der Tiefsee sei im Zuge von Massenaussterben und globalen Veränderungen der Ozeane wiederholt ausgelöscht und durch Einwanderer aus den flachen Meeresgebieten ersetzt worden“, erklärt Ben Thuy. Da Überreste von Organismen aus der Tiefsee jedoch nur selten als Fossilien gefunden werden, war eine direkte Überprüfung dieser Annahme bisher kaum möglich.

Die nun entdeckten Fossilreste stammen von Seeigeln, Seesternen, Schlangensternen, Seelilien, Schnecken sowie den Armfüßern, die heute in der Tiefsee sehr häufig und artenreich sind. Etliche der untersuchten Fossilien sind die ältesten Nachweise ihrer Familien – älter als ihre Verwandten aus Ablagerungen von küstennahen Schelfmeeren. Diese Tiergruppen entstanden deshalb in der Tiefsee und sind nicht, wie bisher vermutet, aus dem Flachwasser in die Tiefsee abgewandert.

Aber wie kommen Tiefsee-Fossilien überhaupt in die Alpen? „Durch Plattentektonik wurden die Ablagerungen des damaligen Ozeans im Laufe von Jahrmillionen zu einem Gebirge aufgefaltet. So bieten die Alpen einmalige Einblicke in längst ausgestorbene Ökosysteme, selbst aus großen Meerestiefen“, erklärt Ben Thuy.

Zudem kennt man etliche der in den Alpen gefundenen Organismen seit Jahrmillionen nur aus Tiefsee-Ablagerungen, aber nicht aus Flachmeer-Ablagerungen. „Das passt nicht zur gängigen These vom Massensterben in der Tiefsee mit nachfolgender Neubesiedlung aus den Schelfmeeren“, sagt Mitautor Dr. Steffen Kiel von der Uni Göttingen. (pug/tko)

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