Kleine Betriebe leiden unter den Folgen des Lockdowns

Freude bei Friseuren, Frust bei Kosmetikern

Friseurmeisterin Jennifer Albrecht
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Friseurmeisterin Jennifer Albrecht aus Göttingen freut sich, dass sie ihre Kunden am 1. März wieder in ihrem Salon bedienen kann.

Ab dem 1. März dürfen Friseure wieder öffnen. Klar, dass in dieser Gruppe die Freude groß ist. Auf der anderen Seiten stehen die Kosmetiker, die bislang keine Öffnungsperspektive haben und die Frust schieben.

Göttingen/Bovenden – Bis Ende März ausgebucht ist Friseurmeisterin Jennifer Albrecht (49) vom Salon Haaroase in Göttingen. „Schon im Dezember hatten zahlreiche Kunden für den Fall der Öffnung unseres Salons vorreserviert“, sagt Albrecht, die im Alter von 16 Jahren eine Ausbildung zur Friseurin begann. „Ich freue mich darüber natürlich sehr, leide aber noch immer unter der aktuellen Situation.“ Das Problem: Noch immer sind die versprochenen Abschlagszahlungen nicht da. Dabei sind die Beträge ohnehin gering. Sie decken nur 75 Prozent der Fixkosten, erklärt Albrecht. „Für die privaten Kosten kommt in der Pandemie niemand auf. Ich habe schon Ersparten gelebt. Jetzt wird es langsam eng.“

Ein weiteres Problem: Viele Menschen sind nach Überzeugung von Albrecht zu Friseuren gegangen, die während der Pandemie schwarz gearbeitet haben. „Während des Lockdowns hat der Staat die Schwarzarbeit indirekt gefördert. Das ist nicht in Ordnung.“Außerdem ärgert Albrecht, dass viele Salons zu wenig für ihre Dienstleistungen verlangen. „Das mindert die Verdienstmöglichkeiten unserer gesamten Branche“, sagt die Göttingerin. Aus ihrer Sicht wäre jetzt die Chance, eine einheitliche Preisgestaltung zum Standard zu machen.

Trotzdem freut sich die Friseurmeisterin, ihre Kunden am Montag, 1. März, wiederzusehen. Jeder Kunde wird ein kleines Dankeschön bekommen. Außerdem hat sie ein Hygienekonzept entwickelt, damit alle geschützt.

Kosmetikerinnen und Kosmetiker fühlen durch die aktuellen Corona-Regeln in Niedersachsen hingegen stark benachteiligt. „An viele Gruppen wurde gedacht, an uns nicht“, sagt Vanessa Annabell Raguse aus Bovenden. Die 32-Jährige betreibt seit Ende 2017 ein Kosmetikstudio. Die beiden Lockdown-Phasen haben ihr, ihrer Mitarbeiterin und der Auszubildenden zugesetzt. „Wir hatten im März und April 2020 geschlossen“, berichtet sie. Seit November bis heute ist die Beautylounge ebenfalls komplett geschlossen.

Vanessa Annabell Raguse, Kosmetikerin

Raguse plagen akute Existenznöte und -ängste. Das Problem: Als Berechnungsgrundlage für die November-Hilfen dient der Umsatz aus dem Jahr November 2019. „Damals hatte ich noch nicht so viel Umsatz.“ Die Folge: Es gab nur eine Abschlagszahlung von etwa 250 Euro. Genauso viel hat aber die Beantragung der Hilfen durch den Steuerberater gekostet. „Das ist für mich also keine echte Hilfe.“ Deshalb wünscht sie sich, dass die Hilfen auf einer anderen Grundlage berechnet werden. „Von so wenig Geld kann man nicht leben.“

Damit nach dem der Betrieb nach dem Lockdown weitergehen kann, beschäftigt Raguse ihre Mitarbeiterin weiter. Die Auszubildende kann in Vollzeit die BBS in Duderstadt besuchen. „Ohne Rücklagen und Hilfen meiner Eltern ginge es im Moment gar nicht“, sagt Raguse. Dankbar ist sie für die Unterstützung zahlreicher Kunden, die gespendet haben oder trotz ausgestellter Gutscheine auf eine Behandlung verzichten.

Eine weitere zentrale Forderung: „Wir müssen ähnlich wie die Friseure eine zeitnahe Öffnungsperspektive bekommen. Kosmetiker arbeiten in der Regel mit größerem Abstand zum Kunden als Friseure“, versichert Raguse. Aus ihrem Kollegenkreis weiß sie, dass im Raum Göttingen bereits vereinzelt Studios aufgeben mussten.

Raguse plant eine eigene Initiative: Sie will über ihren Rechtsanwalt Klage einreichen. Sie sieht in der aktuellen Regelunge einen Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz. „Wir haben die gleichen Rechte wie Friseure.“ (Bernd Schlegel)

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