Im Grenzdurchgangslager Friedland

Göttinger Basketball-Legende und KSV-Spieler bei Ausstellung über Integration dabei

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Ausstellung in der Nissenhütte: Kurator Dr. Steffen Wiegmann (links) und Museumsdirektor Dr. Frank Frühling haben sich dem Thema Sport und Integration gewidmet.

Friedland. Sport und Integration – das ist das Thema der neuen Sonderausstellung im Grenzdurchgangslager Friedland. Sie wird ein Jahr lang in der Nissenhütte zu sehen sein. 

„Sport kann bei der Integration eine ganz wichtige Rolle spielen. Man kommt in Kontakt, hat ein gemeinsames Ziel und kann schnell eine Beziehung zu anderen Menschen aufbauen“, sagt Wilbert Olinde. Die Göttinger Basketballlegende aus den Meisterjahren in den 80ern beteiligt sich an der Sonderausstellung „Entscheidend ist auf dem Platz“, die am Samstag in der Nissenhütte im Grenzdurchgangslager Friedland eröffnet wird.

Das Zitat stammt vom deutschen Fußballtrainer Alfred Preißler (1921 - 2003, stieg mit RW Oberhausen in die Bundesliga auf). Und es lässt sich nicht nur auf den Sport sondern auch auf Integration anwenden, sagt Ausstellungskurator Dr. Steffen Wiegmann. „Der Sport kann einen Rahmen bieten für Begegnung. Ob die Integration dann aber tatsächlich gelingt, hängt von vielen Faktoren ab.“

Migrantensportvereine als Integrationshelfer

Diese Faktoren hat Wiegmann in sechs Thesen zusammengefasst, die teils bestätigt und teils widerlegt werden. Etwa: Integration im Sport gelingt schlechter in Migrantensportvereinen. „Diesen Klubs wird häufig Abschottung vorgeworfen. Aber viele leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration“, sagt Wiegmann. Als Beispiel ist in der Ausstellung der ISC Lupo Wolfsburg angeführt, der 1962 als erster Fußballverein von Gastarbeitern in Deutschland gegründet wurde. Heutzutage sind nur noch rund 50 Prozent der Spieler Italiener. „Die andere Hälfte besteht aus Spielern verschiedenster Nationalitäten“, sagt Wiegmann.

Der Kurator hat seine Ausstellung zu großen Teilen rund um die Biografien von bekannten Sportlern aus Südniedersachsen und Nordhessen aufgebaut. Nicht fehlen durfte dabei Wilbert Olinde. Der Basketballer kam 1977 als einer der ersten farbigen Spieler nach Deutschland und wurde mit dem ASC Göttingen dreimal deutscher Meister. „Der Unterschied zwischen mir und den meisten Menschen, die heute aus anderen Ländern nach Deutschland kommen, ist aber wichtig: Ich kam freiwillig“, sagt der heute 63-Jährige. 

Wilbert Olinde

Er erinnert sich gerne daran, wie freundlich er damals in der Universitätsstadt aufgenommen wurde. „Für mich war es hier leichter als in Los Angeles, wo ich vorher war.“ Für Schwarze sei es dort damals keine angenehme Zeit gewesen. „Einige meiner Ex-Mitspieler, die es in die NBA geschafft hatten, wurden manchmal auf dem Weg zu ihren Häusern von der Polizei angehalten. Einfach deswegen, weil sie mit einem teuren Auto durch eine reiche Nachbarschaft gefahren sind. Ich musste nie darauf achten, wo ich in Göttingen herumlaufe.“ 

Klima ab 1990 weniger freundlich

Das Klima in Deutschland sei allerdings weniger freundlich geworden, als es nach der Wiedervereinigung 1990 plötzlich viele Menschen im Land gegeben habe, denen es schlecht ging. "Da haben einige auf die vermeintlich Fremden geguckt und bei denen die Schuld gesucht, anstatt bei sich selbst", sagt Olinde.  

Trotzdem gefiel es ihm so gut in Deutschland, dass er blieb, hier studierte und nach seiner aktiven Karriere Unternehmensberater und Mentaltrainer wurde. Zur Eröffnung am Samstag kann Olinde nicht kommen. Er will die Ausstellung aber während ihrer Laufzeit besuchen.

Evljuskin: Über Friedland nach Deutschland

Ein weiterer Sportler, der zentraler Bestandteil der Ausstellung in der Nissenhütte ist, ist Sergej Evljuskin. Für ihn ist die Ausstellung etwas ganz Besonderes. Nicht nur, weil die Geschichte seiner eigenen Familie in Deutschland vor 28 Jahren im Grenzdurchgangslager Friedland begann – sondern auch, weil ihm das Thema Integration am Herzen liegt. „Dass es wichtig ist, sieht man an der Debatte um Mesut Özil“, sagt der 30-Jährige. 

Sergej Evljuskin

Der Mittelfeldspieler des Fußball-Hessenligisten KSV Hessen Kassel war zwei Jahre alt, als er 1988 mit seinen Eltern, seinen zwei ältern Brüdern und seiner jüngeren Schwester aus Kirgisien nach Deutschland kam. Direkt neben den Einreisedokumenten liegt in der Ausstellung seine Fritz-Walter-Medaille in Gold in einer Vitrine: 2005 und 2006 wurde Evljuskin jeweils als bester deutscher Nachwuchsspieler seines Jahrgangs ausgezeichnet. Ein Mitglied der KSV-Fangruppe "Blog36" machte Kurator Wiegmann bei einem zufälligen Gespräch über dessen Projekt darauf aufmerksam, dass Evljuskins Geschichte in Deutschland ausgerechnet in Friedland begonnen hatte – wie er aus dessen Buch "Eigentlich wäre ich jetzt Weltmeister" wusste, das die Gruppe in einer Lesung mit dem Mittelfeldspieler vorgestellt hatte. Daraufhin nahm Wiegmann Kontakt zu ihm auf. 

Als Kind nicht über Integration nachgedacht

Familie Evljuskin durfte 1990 nach einigen Wochen in Friedland weiter nach Braunschweig, wo eine Verwandte lebte. „Als kleiner Junge habe ich mir natürlich keinen Kopf darum gemacht, dass ich mich integrieren muss. Das kam eher automatisch, auch weil meine Eltern darauf geachtet haben, dass wir sogar zu Hause meistens nur noch Deutsch gesprochen haben.“ Er habe sich allerdings anfangs dagegen gesträubt, Deutsch zu lernen, sprach lieber Russisch. „Meine Eltern hatten deswegen etwas Bedenken, ob ich in der Schule zurecht komme. Aber ich wurde ein echter Musterschüler, habe mich immer gut benommen.“ 

Evljuskin glaubt, dass er auch deswegen nie echte Probleme wegen seiner Herkunft hatte. Mal ein doofer Spruch wegen seines fremd klingenden Nachnamens, das sie alles gewesen. 

"Auf dem Platz interessiert nur der Ball"

Doch als er mit sechs Jahren beim Braunschweiger SC mit dem Fußballspielen begann, spielte auch sein Name keine Rolle mehr. „Da interessiert nur der Ball. Sport begeistert und verbindet – das ist keine Floskel“, sagt Evljuskin. Man habe ein gemeinsames Ziel. Das helfe dabei, toleranter für andere Menschen und andere Kulturen zu werden. An Friedland hat der Fußballer übrigens keine Erinnerungen mehr. „Ich sehe es nur immer auf den Schildern, wenn ich auf der A7 zwischen Braunschweig und Kassel unterwegs bin“, sagt der 30-Jährige, der seit einem Jahr an der Polizeiakademie in Hann. Münden Polizeikommissarsanwärter ist. Im Grenzdurchgangslager sei er seit 1990 nicht mehr gewesen. „Jetzt werde ich demnächst mal mit meiner Mutter kommen, um die Ausstellung zu besuchen“, sagt er.

Eröffnung am Samstag ab 14 Uhr

Bei der Eröffnungsveranstaltung am Samstag sind ab 14 Uhr Übungsleiter Manfred Wille vom CVJM Wolfsburg, Nevin Sahin vom Sportverein Türk Gücü Hildesheim und Sebastian Hengstler von der Göttinger Hochschulgruppe connACTION, die Sportangebote für Geflüchtete und Studierende organisiert, zu Gast.

Museum plant Ausbau

Das Museum Friedland im historischen Friedländer Bahnhof wurde 2016 eröffnet. Es dokumentiert in einer Dauerausstellung die mehr als 70-jährige Geschichte des Grenzdurchgangslagers Friedland. Bislang haben rund 35 000 Menschen das Museum besucht. „Unter dem Strich sind wir mit diesen Zahlen zufrieden“, sagt Museumsleiter Dr. Frank Frühling. „Steigerungspotenzial“ erhoffe er sich von der geplanten Erweiterung des Hauses. Bis 2022 soll ein weiteres Museumsgebäude mit Ausstellungs-, Seminar- und Bibliotheksräumen sowie einem „Café der Begegnung“ entstehen. 

Die Nissenhütte, in der nun für ein Jahr die Sonderausstellung über Sport und Integration zu sehen ist, ist eine Rekonstruktion der Hütten, in denen die Flüchtlinge in den 40er- und 50er-Jahren lebten.

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