Besucher erleben Fluchtschicksale

Museum Friedland zeigt seit 5 Jahren die Geschichte des Grenzdurchgangslagers

Eine Dame steht in einem Raum, an dessen Wänden viele Bilder hängen.
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Viele Fotos und unterschiedliche Dokumente machen in den Ausstellungsräumen des Museums Friedland das Thema Flucht und Vertreibung erlebbar. (Archivfoto)

Kaum ein Ort ist mit Flucht und Migration enger verbunden als das Grenzdurchgangslager Friedland. Das Museum im Bahnhof des Ortes zeigt Schicksale von Flucht und Vertreibung.

Friedland – Gleich nach Beginn des Rundgangs durch das Museum ist die Lagerglocke in einem Raum zu hören. Sie läutete auch für die letzten Kriegsgefangenen, die mehr als zehn Jahre nach Kriegsende nach Friedland kamen.

Mit dem Bahnhof als Standort der Dauerausstellung wurde ein idealer Standort für die Dauerausstellung gefunden, denn viele der mehr als vier Millionen Menschen, die in dem Grenzdurchgangslager ankamen, verließen dort den Zug oder fuhren von dort weiter.

Dauerausstellung gibt Einblick in Geschichte und Gegenwart

Die Besucher lernen in der Ausstellung die unterschiedlichen Gruppen von Aufgenommenen kennen. Waren es zu Beginn vor allem entlassene Kriegsheimkehrer und Vertriebene, so kamen später Ausgewiesene, „Displaced Persons“, Spätaussiedler sowie Schutzsuchende aus aller Welt.

„Das Museum Friedland nimmt in vielerlei Hinsicht eine enorm wichtige Aufgabe wahr“, sagt Niedersachsens Wissenschafts- und Kulturminister Björn Thümler. Deshalb war es nur logisch, dass sich der Landtag im Jahr 2006 fraktionsübergreifend entschloss, in Friedland ein Museum einzurichten, um die historische Bedeutung des Grenzdurchgangslagers darzustellen.

Die Dauerausstellung im Bahnhofsgebäude gibt einen lebendigen Einblick in die Geschichte und Gegenwart des Grenzdurchgangslagers.

Sammlung ständig erweitert und wissenschaftlich erschlossen

Multimediale Installationen, Dokumente, Fotos und vielfältige Objekte, darunter zahlreiche persönliche Erinnerungsstücke von Zeitzeugen, vermitteln spannende Geschichten, die zum Nachdenken und Diskutieren anregen.

Darüber hinaus sammelt und bewahrt das Museum Friedland Zeugnisse aus der Geschichte und Gegenwart des Grenzdurchgangslagers. Die Sammlung wird ständig erweitert und wissenschaftlich erschlossen.

Die Objekte werden für Ausstellungen, das pädagogische Programm und die wissenschaftliche Forschung genutzt und können auch anderen Museen als Leihgaben zur Verfügung gestellt werden.

Verschiedene Angebote regen zu Nachdenken und Handeln an

Neben dieser traditionellen Museumsarbeit verweist Dr. Anna Haut, die wissenschaftliche Leiterin der Einrichtung, auf weitere Arbeitsfelder: „Aufgrund unseres Standortes in unmittelbarer Nachbarschaft zum Grenzdurchgangslager haben wir die ganz besondere Aufgabe, unsere soziale Verantwortung wahrzunehmen und einen Beitrag zu leisten für eine weltoffene Gesellschaft.“

Mit den verschiedenen Angeboten informiert das Museum nicht nur über die Geschichte der Migration über Friedland, sondern regt auch zum Nachdenken und zum Handeln an.

Leiterin Haut: „Bei den Angeboten des Museums treffen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund aufeinander, kommen ins Gespräch und erhalten Gelegenheiten, gemeinsam aktiv zu werden. Solche Begegnungen sind unheimlich fruchtbar und bezeugen immer wieder aufs Neue die Bedeutung von Teilhabe für das Zusammenleben in der Migrationsgesellschaft.“

Museum soll erweitert werden – Zeitpunkt noch unklar

Das seit dem Jahr 2017 als außerschulischer Lernstandort anerkannte Museum Friedland erforscht, sichert, präsentiert und vermittelt die Lagergeschichte auch gerade für junge Leute.

Wechselnde Ausstellungen lenken den Blick aus historischer und gegenwartsorientierter Perspektive auf die vielschichtigen Prozesse von Abschied, Ankunft und Neubeginn im Allgemeinen sowie im Speziellen auf die Themen Migrationspolitik, gesellschaftlicher Teilhabe, Grenzen, Identitäten und Zugehörigkeiten, Kriegsfolgen, Menschenrechten sowie Asyl.

Das Museum Friedland wird schon bald weiter wachsen. Eingebettet in eine Parkanlage soll zwischen dem historischen Bahnhof und dem Grenzdurchgangslager ist ein modernes Besucher-, Medien- und Dokumentationszentrum mit zusätzlichen Ausstellungsflächen von etwa 800 Quadratmeter sowie Seminar- Bibliotheks- Depot- und Büroräumen entstehen. Einen genauen Zeitpunkt für die Fertigstellung dieser Erweiterung gibt es aber noch nicht.

Entstehung 1945 am Schnittpunkt dreier Besatzungszonen

Das Grenzdurchgangslager Friedland wurde von der britischen Besatzungsmacht auf dem Gelände der nach Friedland ausgelagerten landwirtschaftlichen Versuchsanstalt der Universität Göttingen errichtet und am 20. September 1945, also kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, eröffnet.

Die Einrichtung ist inzwischen ein Standort der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen (LAB NI). Es wird auch Tor zur Freiheit genannt.

Das Grenzdurchgangslager bestand laut Online-Lexikon Wikipedia zu Beginn aus ehemaligen Stallgebäuden der Universität Göttingen sowie Baracken und Nissenhütten.

Die Lage Friedlands am Grenzpunkt der britischen Besatzungszone (Niedersachsen), der amerikanischen Besatzungszone (Hessen) und der Sowjetischen Besatzungszone (Thüringen) sowie an der wichtigen Bahnstrecke zwischen Hannover und Kassel waren ideal für den Standort als Flüchtlingslager.

Grenzdurchgangslager ist heute Erstaufnahme für Asylbewerber

Zu Beginn kamen Tausende Angehörige der Wehrmacht am Tag. Später wurde das Lager als Übergangslager für Übersiedler aus der DDR genutzt, heute vor allem als Aufnahmeeinrichtung für Spätaussiedler.

Seit dem 1. Oktober 2000 ist Friedland die einzige Erstaufnahmeeinrichtung des Bundes für Spätaussiedler in Deutschland. Seit Anfang 2011 ist das Grenzdurchgangslager offizielle Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Niedersachsen.

Darüber hinaus wurden auch Menschen aus weiteren Ländern aufgenommen: 1956 kamen nach dem ungarischen Volksaufstand Flüchtlinge aus Ungarn, 1973 kamen Verfolgte des Pinochet-Regimes aus Chile, 1978 waren es vor allem Boatpeople aus Vietnam, 1984 Tamilen aus Sri Lanka und 1990 Flüchtlinge aus Albanien.

Ende März 2009 landeten die ersten 122 von insgesamt 2500 Flüchtlingen aus dem Irak mit einem Sonderflugzeug aus Damaskus in Hannover und wurden nach Friedland gebracht. Fast alle gehörten der christlichen Minderheit an, die im Irak verfolgt wird. (Bernd Schlegel)

Besuch wegen Corona nur mit Voranmeldung

Das Museum Friedland ist mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Mit Blick auf die aktuelle niedersächsische Corona-Verordnung ist für den Besuch eine Voranmeldung notwendig. Dafür und für weitere Fragen ist der Besucherservice telefonisch unter 0 55 04/8 05 62 00 oder per E-Mail unter besuch@museum-friedland.de zu erreichen.

Der Eintritt kostet fünf Euro, ermäßigt drei Euro. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt in die Einrichtung.

museum-friedland.de

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