Dramatische Situation

Flüchtlingslager Friedland: Für 700 geplant, 3000 leben dort

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Friedland. Die Bundesregierung will das Thema Flüchtlinge konkret anpacken. Das machte Innenminister Thomas de Maizière bei einem Besuch im Grenzdurchgangslager Friedland deutlich.

Aktualisiert um 18.05 Uhr

Minister de Maizière kündigte verstärkte Anstrengungen an: „Jetzt ist Zeit für einen Schulterschluss. Wir sind entschlossen, diese Aufgaben in einem Kraftakt gemeinsam zu bewältigen.“ Der Minister verwies darauf, dass in dieser Woche erstmals ein Koordinierungsstab von Bund und Ländern tagt. „Dort werden viele Einzelfragen geklärt – faktisch wie in einem Krisenstab.“

Im September soll über die Finanzierung der Unterbringung und Versorgung entschieden werden.

Klar sei, dass man mehr Mitarbeiter beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge benötige. Deshalb gebe es dort eine Einstellungsoffensive. Außerdem werden laut de Maizière mehr Erstaufnahmeeinrichtungen in den Ländern gebraucht, damit schon dort Asylanträge beschleunigt und abschließend inklusive Verwaltungsgerichtsverfahren bearbeitet werden können. Das gelte insbesondere für Flüchtlinge ohne klare Perspektive – zum Beispiel vom Balkan.

Wie dringend notwendig eine Entlastung ist, erfuhr der Minister von Friedlands Bürgermeister Andreas Friedrichs (SPD). „Die Flüchtlinge müssen teilweise unter Treppen und in Fluren schlafen. Die Belastbarkeit der Flüchtlinge, der Mitarbeiter und der Bevölkerung ist erreicht.“ Er machte das an einer konkreten Zahl deutlich: Friedland hat etwa 1000 Einwohner. Derzeit leben im Lager selbst über 3000 Flüchtlinge, also die dreifache Zahl. Hinzu kommen etwa 600 weitere Flüchtlinge in Außenstellen – das sind Turnhallen in Friedland und Rosdorf sowie ein ehemaliges Hotel bei Duderstadt. Wegen der beengten Verhältnisse war es in den vergangenen Tagen mehrfach zu Rangeleien zwischen Flüchtlingen gekommen.

Der Besuch von Bundesinnenminister Thomas de Maizière im Lager ist für die meisten Flüchtlinge nicht das wichtigste Ereignis des Tages. Sie haben mit anderen Dingen zu tun.

Schlafen im Flur: Es ist 8.30 Uhr. Auf manchen Fluren ist die Nacht noch nicht ganz vorbei. Auf Matratzen schlafen dort im ersten Obergeschoss des Kantinengebäudes noch einige Flüchtlinge. Alle sind leise, damit keiner gestört wird.

Zu wenig zum Essen: Eine Gruppe von jungen Afghanen ist mit dem Essen nicht so zufrieden. „Es ist einfach nicht genug für junge Männer“, sagt einer aus der Gruppe. „Für ein Kind reicht es, aber für uns...“ Morgens gibt es zwei Scheiben Brot, zwei Päckchen Marmelade und ein Stückchen Butter.

Schlangestehen I: Vor einem Büro in Haus 1 gibt es kurz nach 8 Uhr eine lange Schlange. Dort werden die Neuankömmlinge registriert. Aber schnell geht es nicht voran. Schließlich muss alles seine Ordnung haben. Der eigentliche Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ist das noch nicht. Der folgt erst später.

Schlangestehen II: Schon kurz nach 11 Uhr bildet sich eine Riesen-Schlange vor dem Kantinen-Gebäude – fürs Mittagessen nach 12 Uhr. Alle stehen geduldig an. Die Kantine hat nur Platz für 400 bis 500 Gäste gleichzeitig. 3000 wollen essen. Deshalb muss man für jede Mahlzeit locker zwei Stunden einplanen. Das Lager Friedland würde sich eine weitere Möglichkeit zur Essensausgabe wünschen.

Küchenmannschaft wurde verstärkt: Um die Flüchtlinge zu versorgen, sind derzeit 25 Mitarbeiter im Lager beschäftigt, darunter fünf von einer Zeitarbeitsfirma.

Verständnisvoller Lagerchef: „Durch die beengten Verhältnisse kommt es zwischen den Flüchtlingen zu dem einen oder anderen Konflikt“, sagt Heinrich Hörnschemeyer. Und jeder habe noch einen guten Freund. Deshalb werde aus einem kleinen manchmal ein größerer Streit. „Gut, dass nicht mehr passiert“, sagt Hörnschemeyer.

Über 100 Beschäftigte: Im Lager Friedland arbeiten mehr als 100 Beschäftigte, dazu etwa 30 Mitarbeiter von Zeitarbeitsfirmen. Für Sicherheitsaufgaben sollen rund um die Uhr etwa zehn Mitarbeiter eingesetzt werden.

Sachspenden: Wer will beim Verteilen helfen

Mit großer Spendenbereitschaft hat die Bevölkerung auf das Schicksal der Flüchtlinge reagiert, die vor gut einer Woche vom Hochwasser in der Turnhalle in Groß Schneen überrascht wurden. Jetzt werden Freiwillige gesucht, die Spenden verteilen wollen.

Die Betroffenen sind seither in einer Notunterkunft in Rosdorf untergebracht. Inzwischen sind Sachspenden, vor allem Kleidung, angekommen. Benötigt werden jedoch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die für die Verteilung von Kleidung oder anderen Hilfsgütern zur Verfügung stehen.

Innenminister besucht Flüchtlinge im Lager Friedland

„Die Kleiderkammer der Caritasstelle ist derzeit gut gefüllt. Dafür danke ich den Spendern“, sagt Thomas Heek, Leiter der Caritasstelle in Friedland. „Jetzt geht es darum, die Kleidung auch an die Flüchtlinge ausgeben zu können. Wir müssen sichten, sortieren und verteilen“, sagt Heek weiter: „Wer also helfen will, schenkt uns seine oder ihre Zeit. Das ist für uns im Moment die beste Unterstützung.“ Mangel bestehe noch an Kinderwagen, die als Sachspende dankbar entgegengenommen würden, fügt er hinzu.

Von großer Hilfs- und Spendenbereitschaft berichtet Sören Steinberg, Bürgermeister der Gemeinde Rosdorf. „Große Mengen an Toiletten- und Sanitätsartikeln, Spielsachen und anderem sind bei der Gemeinde eingegangen. Die Rosdorfer haben schnell und beispielhaft geholfen“, sagte Bürgermeister Steinberg. Damit sei die akute Versorgung der Flüchtlinge in Rosdorf derzeit gewährleistet.

Kontakt: Caritasstelle Friedland, Tel, 05504 261, E-Mail: caritasfriedland@web.de

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