Emotion und Migration

Friedländer Gespräche: "Jede Flüchtlingsgeschichte hat ein Gesicht"

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Von links: Dr. Joachim Baur (Kurator des Museums Friedland), Innenminister Boris Pistorius und Migrationsforscher Prof. Jochen Ottmer .

Friedland. Unter dem Titel „Moving. Von den Gefühlen der Migration“ stand die fünfte Auflage der „Friedländer Gespräche“, die regelmäßig vom Museum Friedland ausgerichtet werden.

Zu den Referenten zählte diesmal auch Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD).

„Jede Flüchtlingsgeschichte hat ein Gesicht, dahinter steht immer ein Mensch und ein bewegendes Schicksal“, sagte Pistorius, dessen Eltern selbst Flüchtlinge gewesen seien und sich in einem Lager in Osnabrück kennengelernt hätten. „Die Menschen, die nach Deutschland kommen, haben in ihrer Heimat und auf der Flucht Angst und Schrecken durchlebt“, so der Sozieldemokrat. „Sie haben Freunde und Angehörige verloren, ihr Zuhause, ihre Heimat und ihr Hab und Gut.“

In der öffentlichen Debatte jedoch werde darüber genauso wenig gesprochen wie über die Sorgen und Hoffnungen der Geflohenen. „In Deutschland wird heute sehr vereinfachend und abstrahierend über Flüchtlinge geredet“, so der Innenminister. „Bei Begriffen wie Asylmissbrauch, Obergrenze oder Abschiebequote verschwinden die persönlichen Schicksale komplett aus dem Blickfeld.“

Innenminister Boris Pistorius: Gefahr für Demokratie

Besonders Populisten würden die Tatsachen ausblenden oder sogar abstreiten, was eine Diskussion mit ihnen „faktisch unmöglich“ mache. „Sie gefährden die Demokratie, in der es um die rationale Auseinandersetzung mit Fakten geht“, mahnte Pistorius. Lobende Worte vom Minister gab es für das Museum Friedland, das die Geschichte des Grenzdurchgangslagers und damit die Geschichte von Migration und Flüchtlingen beleuchtet. „Dieses Museum nimmt die Menschen in den Blick“, sagte er.

„Die Bundesrepublik ist so etwas wie eine Migrationsgesellschaft geworden“, befand Prof. Jochen Ottmer von der Universität Osnabrück. Bis in die 1980er Jahre hätten ausschließlich Experten über Flucht und Migration gesprochen. „Da wäre ein Museum wie das hier in Friedland undenkbar gewesen“, so der Migrationsforscher. 

Die Frage der Integration

Inzwischen habe die Diskussion aber eine neue Dimension und Qualität bekommen. „Seit den 90er-Jahren wird verstärkt über Zuwanderung diskutiert, seit 2014 nahezu permanent“, so der Migrationsforscher. Im Vordergrund stehe dabei jedoch die Frage der Integration. „Gründe für die Flucht spielen fast keine Rolle mehr“, pflichtete Ottmer Innenminister Pistorius bei. „Dass die weltweiten Fluchtbewegungen nicht aufgehört haben, kommt in der Debatte kaum vor“, sprach der Experte von einer beschämenden „Weltvergessenheit“. 

Für Dr. Joachim Baur, den Kurator des Museums Friedland, sind die Ziele der Friedländer Gespräche klar definiert. „Wir wollen am Puls der Zeit bleiben“, betonte er. In Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops befassten sich an zwei Veranstaltungstagen zahlreiche Experten aus Wissenschaft und Praxis mit Themen Emotion und Migration sowie deren Zusammenspiel.

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