„Wie Sodom und Gomorrha oder Alcatraz“

Friedländer Pfarrer Thomas Harms von Zuständen in EU-Flüchtlingslager entsetzt

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„Wie Sodom und Gomorrha oder Alcatraz“: Mit drastischen Worten beschreibt Lagerpastor Thomas Harms die Zustände in einem Flüchtlingslager in Griechenland.

Thomas Harms wählt drastische Worte, als er seine Eindrücke von einem kürzlich unternommenen Besuch eines Flüchtlingslagers auf der griechischen Insel Chios schildert.

Die Situation im dortigen „Camp Vial“ sei „für die Bewohner wie Sodom und Gomorrha“, sagt der evangelische Pfarrer am Freitag in Friedland. „Oder wie in Alcatraz“.

Harms ist Lagerpastor und Geschäftsführer der Inneren Mission im Grenzdurchgangslager Friedland. Er hat für die hannoversche Landeskirche vom 10. bis 15. Oktober an einer internationalen Asylkonferenz in Griechenland teilgenommen. 

Zu dem Treffen hatten die Diakonie in Deutschland und die Organisation „Churches’ Commission for Migrants in Europe“ (CCME) eingeladen. Harms zufolge beteiligten sich rund 150 Personen aus 16 Staaten an der Konferenz. Tagungsorte waren Athen und die Insel Chios.

Vergewaltigungen Usus

In dem für 1200 Geflüchtete ausgelegten Lager auf der griechischen Insel lebten rund 2500 Menschen „unter erbärmlichen Bedingungen“, erzählt Harms. Kinder würden nicht betreut und könnten nicht zur Schule gehen. Frauen und Mädchen wagten sich aus Angst vor Übergriffen und Vergewaltigungen nachts nicht auf die Toilette: „Die haben deshalb einen riesigen Bedarf an Windeln.“

Das überfüllte Camp Vial liegt rund 15 Kilometer von der Stadt Chios entfernt. Aus deren Hafen liefen morgens die beiden dort stationierten Schiffe der europäischen Grenzschutzagentur Frontex aus, beobachtete Harms. Ihre Besatzungen suchen auf dem Meer nach Geflüchteten, die sich in Schlauchbooten von der türkischen Küste auf den Weg nach Griechenland gemacht haben.

Leichen als Beifang

„Frontex lädt die aufgegabelten Flüchtlinge wieder in der Türkei ab, bringt die Schlauchboote in den Hafen von Chios und zerstört sie“, sagt Harms. Viele Schutzsuchende versuchten deshalb schwimmend, Chios oder eine andere ägäische Insel zu erreichen, und ertränken dabei. „Die Toten landen dann teilweise als Beifang in den Netzen der Fischer“.

Außer auf Chios hat die EU auf vier weiteren griechischen Inseln sowie in Italien insgesamt zehn sogenannte „Hotspots“ aufgebaut. In diesen Lagern säßen Flüchtlinge teilweise über Jahre fest, kritisiert Harms. Sie könnten dort erst nach Monaten ihre Fluchtgründe vorbringen. Eine reguläre Bearbeitung von Asylanträgen gebe es kaum. „Die Menschen müssten eigentlich sofort auf die EU-Länder verteilt werden“, sagt Harms. „Das werden sie aber nicht, weil man sie nicht will.“

Ausverkauf der Werte

Mit diesen Lagern sowie dem 2016 abgeschlossenen Flüchtlingspakt mit der Türkei betreibe Europa den „Ausverkauf seiner humanitären Werte“. Das Abkommen sieht im Kern vor, dass die EU alle Migranten, die illegal über die Türkei auf die griechischen Inseln kommen und kein Asyl erhalten, zurückschicken kann. „Es gibt in meinen Augen keine Flüchtlingskrise“, sagt Harms dann noch. „Was es gibt, ist eine Krise des europäischen Wertekanons.“

„Koalition der Willigen“

Draußen geht eine Gruppe dunkelhäutiger Flüchtlinge am Lagerpfarramt vorbei. Sie sind vor zwei Tagen im Rahmen des „Resettlement“-Programms aus dem Niger gekommen. Vorher waren sie in Libyen, einige von ihnen wohl auch in den berüchtigten Folterlagern örtlicher Milizen.

„Vergewaltigt zu werden, haben viele Frauen bei Antritt der Flucht schon eingepreist“, hat Harms in Gesprächen erfahren. Der Pfarrer plädiert für eine „Koalition der Willigen“ aus Kirche, Zivilgesellschaft und Nichtregierungsorganisationen, die ein anderes Modell in der Asylpolitik einfordern: „Ein humanes Modell.“ (epd)

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