Interview mit Sascha Schießl: Die Symbolik der Freiheit von Friedland

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Hat zur Geschichte des Grenzdurchgangslagers Friedland geforscht: der Göttinger Historiker Sascha Schießl.

Göttingen. „Das Tor zur Freiheit“, so lautet der Titel des neuen Werks von Sascha Schießl, das er am Freitag, 20. Mai, ab 19 Uhr im Museum des Grenzdurchgangslagers vorstellen wird. Worum es im Buch geht, verrät der Autor im Interview.

Was hat Sie dazu gebracht, ein so detailliertes Buch über das Lager Friedland zu schreiben?

Sascha Schießl: Als ich begonnen habe, zu Friedland zu forschen, war nicht absehbar, wie verzweigt die Lagergeschichte sein würde und wie ergiebig für größere Forschungsfragen. Die Notwendigkeit, vielen Spuren nachzugehen, ergab sich aus der Recherche.

Über Friedland ist viel geschrieben und berichtet worden, vor allem in Zeitungen und im Fernsehen. Schließt Ihr Buch möglicherweise eine Lücke in der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Lagergeschichte?

Schießl: Im wissenschaftlichen Feld schließt die Arbeit sicher eine Lücke. Die Forschung hat Friedland bislang eher punktuell in den Blick genommen. Meine Arbeit bereichert die Geschichte der westdeutschen Flüchtlings- und Durchgangslager, der Kriegsfolgenbewältigung in der westdeutschen Gesellschaft oder der Aufnahme von Aussiedlern.

Sie bringen zwei Forschungsfelder zusammen, welche sind das - und warum ausgerechnet diese beiden?

Schießl: Im Zentrum der Arbeit steht einerseits das Feld der Aufnahmepolitik in den westlichen Besatzungszonen beziehungsweise der Bundesrepublik, also die Frage, welche Gruppen unter welchen Bedingungen aufgenommen werden mussten oder aufgenommen werden sollten.

Hinzu kommt die Frage nach der politischen Deutung und öffentlichen Thematisierung dieser Aufnahmepolitik. Beide Aspekte waren in Friedland wie an kaum einem anderen Ort untrennbar miteinander verbunden. Analysiert man beide Felder in ihrer Wechselwirkung, lassen sich unsere Erkenntnisse zum (west)deutschen Umgang mit den Folgen von NS-Herrschaft erweitern.

Was war für Sie die gravierendsten Erkenntnisse - positiv wie negativ - die sich durch die Recherche-Arbeit aufgetan haben?

Schießl: Es ließ sich aufzeigen, auf welche Weise das Bild von Friedland als dem „Tor zur Freiheit“ entstanden ist und wie sehr es lokale Akteure (Lagerverwaltung, Wohlfahrtsverbände, Pfarrer) gemeinsam aber auch in Abgrenzung von höheren Verwaltungsebenen (Politik, Medien, Aufgenommenen) vermochten, Friedland als öffentlichen Ort zu markieren. Dass die öffentlichen Darstellungen mit der praktischen Aufnahmepolitik oftmals wenig gemein hatten, zeigt nicht zuletzt die sogenannte „Heimkehr der Zehntausend“.

Existiert in den Köpfen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration ein geschöntes Bild über Friedland und das Schicksal der Heimkehrer, Vertriebenen, Spätheimkehrer, Asylsuchenden - geprägt durch Medienberichterstattung oder was haben Sie herausgefunden? Welche Rolle haben generell die Medien für das „Friedland-Bild“ gespielt?

Schießl: Erinnerungsorte, und Friedland ist gewiss als ein solcher zu bezeichnen, werden nicht durch historische Fakten geprägt. Emotionale Deutungen wirken hier viel stärker. Dass also beispielsweise frühere Soldaten, die nach mehreren Jahren Gefangenschaft entlassen werden, ihren Aufnahmeort in besonderer Weise wahrnehmen, verwundert nicht. Medien wiederum benötigen spannende Erzählungen, die womöglich die Auflage fördern. Interessengruppen haben zudem eigene politische Ziele.

Insofern ist das öffentliche Bild von Friedland, das seit den späten 1940er Jahren geprägt wurde, nur ausschnitthaft. Was den eigenen politischen, emotionalen Deutungen nicht entprach, wurde von Politik, Verwaltungen und Medien vernachlässigt oder womöglich bewusst ausgelassen.

Wie bewerten Sie den Stand der Dokumentation über das Lager Friedland generell?

Schießl: Mit meiner Arbeit und dem laufenden Museum ist die Aufarbeitung der Lagergeschichte auf einem guten Weg. Die Dokumentation ist aber noch lange nicht abgeschlossen. Insbesondere bei Personen, die das Lager selbst durchliefen, lassen sich noch immer Erlebnisberichte, Briefe, Fotos oder Schriftwechsel mit Behörden finden, die die Lagergeschichte und die Aufnahmebedingungen in der westdeutschen Gesellschaft ergänzen oder korrigieren. Zudem werden seit den 70er Jahren weitere Archivbestände freigegeben.

Inwieweit wurde bisher der Fokus auf die Menschen in Friedland gerichtet, abseits der Jubelberichterstattung? Es war ja auch ein Ort der Verzweiflung...

Schießl: In den zeitgenössischen Medienberichten über eintreffende Transporte mit entlassenen Kriegsgefangenen, etwa im Umfeld der „Heimkehr der Zehntausend“ werden die Enttäuschungen jener, die vergeblich auf Angehörige warteten, durchaus thematisiert.

Dieser Aspekt trug gewiss auch zur Emotionalisierung des Ortes Friedland bei. Indiviuelle Schicksale gerieten aber rasch aus dem Fokus. Dass viele, die das symbolisch aufgeladene „Tor zur Freiheit“ durchliefen und als „Heimkehrer“ bezeichnet wurden, nicht zu ihren Familien zurückkehrten oder zurückkehren konnten oder dass viele Aussiedler, nachdem sie Friedland verlassen hatten, zunächst in weiteren Lagern lebten, stand in der öffentlichen Wahrnehmung häufig hinter der symbolischen Aufladung des Ortes zurück.

Wie beschäftigen Sie sich mit der Rückkehr der letzten Zehntausend - diesem politisch ausgeschlachteten Coup?

Schießl: Bei der „Heimkehr der Zehntausend“ ist einmal die öffentliche Wahrnehmung der Ereignisse von Interesse. Hier ließ sich zeigen, dass es sich, entgegen des bis heute verbreiteten Bildes, keineswegs um ein weitgehend einheitlich wahrgenommenes Ereignis handelte. Wenn nicht nur die Ankunft der ersten Transporte im Oktober 1955 in den Blick genommen wird, sondern die gesamte, sich über vier Monate erstreckende Entlassungsaktion thematisiert wird, ergibt sich ein vielschichtiges Bild, in dem sich der, seit den späten 50er Jahren einsetzende erinnerungskulturelle Wandel der Bundesrepublik bereits andeutet.

Zum anderen sind die Debatten und Entscheidungsprozesse rund um die Entlassungsaktion aufschlussreich. Die Behörden hatten die euphorischen Empfänge während der „Heimkehr der Zehntausend“ keineswegs geplant. Diese waren vielmehr ein „Nebenprodukt“ der emotionalen Aufladung des Topos Kriegsgefangenschaft und dessen Verknüpfung mit Friedland als Ankunftsort.

Die Ereignisse entwickelten eine solche Sogkraft für Medien, Angehörige, Politiker, Verbandsvertreter und Schaulustige, dass sich die Empfänge von den zuständigen Ministerien kaum mehr steuern ließen.

Zur Person

Sascha Schießl ist Historiker und Absolvent des Studiums der Mittleren und Neueren Geschichte, der Deutschen Philologie und Politikwissenschaft der Uni Göttingen. In seinem Buch „Das Tor zur Freiheit - Kriegsfolgen, Erinnerungspolitik und humanitärer Anspruch im Lager Friedland (1945 bis 1970)“ berichtet er über die langlebige Institution Friedland mit ihren vielschichtigen Funktionen. Das Buch ist im Wallstein Verlag Göttingen für 39,90 Euro erhältlich.

Das Werk präsentiert der Autor am Freitag, 20. Mai, ab 19 Uhr im Museum des Grenzdurchgangslagers Friedland, Bahnhofstraße 2.

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