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Leiter des Grenzdurchgangslagers Friedland über die aktuelle Lage

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Der Grenzdurchgangslager Friedland aus der Luft: Im weitläufigen Gelände steht die katholische Kirche St. Norbert (unten rechts). Im Hintergrund ist die Bahnstrecke zu sehen. Archiv
Der Grenzdurchgangslager Friedland aus der Luft: Im weitläufigen Gelände steht die katholische Kirche St. Norbert (unten rechts). Im Hintergrund ist die Bahnstrecke zu sehen. Archiv © Archiv/Swen Pförtner/dpa

Traumatisierte Kinder, leidgeprüfte Erwachsene: Viele Menschen fliehen vor dem Krieg in der Ukraine. Auch im Grenzdurchgangslager Friedland sind einige angekommen.

Friedland – Landesweit sind knapp 1500 Menschen aus der Ukraine in Einrichtungen der Landesaufnahmebehörde untergekommen, die Auslastungsgrenze in diesen Einrichtungen ist den Angaben zufolge erreicht.

Im Grenzdurchgangslager Friedland im Landkreis Göttingen will man ihnen vor allem eines bieten – Ruhe. Klaus Siems ist seit Anfang März Leiter des Lagers und spricht im Interview über die aktuelle Lage.

Kapazität von 820 Unterbringungsplätzen

Herr Siems, gerade erst haben Sie die Leitung übernommen – hätten Sie sich vorstellen können, direkt mit den Folgen eines Krieges in Europa konfrontiert zu sein?

Vorstellung ist das eine, Hoffnung das andere. Ich habe natürlich gehofft, hier einen etwas ruhigeren Start erleben zu dürfen. Aber wir stehen vor großen Herausforderungen. Wir müssen uns diesen stellen und versuchen, die Aufgaben, die vor uns liegen, vernünftig abzuarbeiten. Und dazu werde ich meinen Teil beitragen.

Wie viele Flüchtlinge aus der Ukraine sind inzwischen bei Ihnen im Lager?

Wir haben 77 Ukrainerinnen und Ukrainer bei uns. Das ist eine Zahl, die immer mal anschwillt und wieder niedriger wird, durch den Zu- und Ablauf, den wir hier täglich erfahren. Es gibt hohe Schwankungen in beide Richtungen.

Und Ihre Kapazität?

Das ist nur eine theoretische Größe. Wir haben eine Kapazität von 820 Unterbringungsplätzen an einem Standort, wovon wir allerdings nur einen Teil für den Kreis der Ukrainerinnen und Ukrainer freihalten können, weil wir neben den Ukrainern auch Spätaussiedler beherbergen. Darüber hinaus haben wir Sonderkontingente im Rahmen von humanitären Aufnahmeprogrammen – etwa die afghanischen Ortskräfte. Die kommen parallel zu den Ukrainern dazu. Die Besonderheit hier am Standort ist, dass wir Plätze für Menschen vorhalten, die über verschiedene Fluchtrouten kommen.

Wie ist denn unter den Geflüchteten die Stimmung? Viele dürften mit Ängsten und psychischen Problemen zu kämpfen haben – wie bewältigen Sie das?

Wir versuchen die Menschen zunächst einmal zu screenen, wir bieten ihnen aber vor allem eine Unterkunft an, damit sie erst einmal zur Ruhe kommen. Es gilt im Grunde für alle, die bei uns unterkommen: Wenn man diesen Weg hinter sich hat, ist man erst mal froh, wenn man etwas zur Ruhe kommen kann, die neuen Eindrücke auf sich einwirken lässt. Das Aufarbeiten, denke ich, wird später kommen müssen.

Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie im Lager? Die Impfquote in der Ukraine ist schließlich deutlich geringer als hier.

Einen Corona-Ausbruch kann ich derzeit nicht bestätigen, wir haben aber durchaus Personen separiert. Alle Neuankommenden werden getestet und dann wird entschieden, ob separiert wird oder nicht. Wir bieten darüber hinaus Corona-Impfungen an, allerdings haben wir wegen der großen Fluktuation noch nicht so viele Personen, die sich dafür interessieren.

Aber die Bereitschaft zum Impfen ist da?

Es ist durchaus Interesse da und es werden auch Nachfragen gestellt. Wir vermitteln dann Termine zum Impfen. Aber selbst, wenn sich heute alle impfen lassen würden, heißt es noch lange nicht, dass sie dann nicht trotzdem ansteckend sein können. Das ist die Herausforderungen für uns: Wir müssen versuchen, die Ansteckungsgefahr möglichst gering zu halten.

Warum bleiben die Geflüchteten nicht lange?Warum bleiben die Geflüchteten nicht lange?

Das hat rechtliche Gründe. Ukrainer oder Menschen aus Drittstaaten, die in der Ukraine bereits ein Bleiberecht haben, brauchen nicht zwingend ins Asylverfahren. Sie haben durch Vereinbarungen zwischen der Ukraine und der EU die Möglichkeit, visafrei im Bundesgebiet oder auch im ganzen europäischen Gebiet zu reisen. Das gilt zunächst für 90 Tage. Um das zu verlängern, müssen sie sich bei einer Ausländerbehörde melden.

Wohin gehen sie dann?

Die sind gut vernetzt untereinander, sie haben eine gute Community und sind über soziale Medien im Austausch, sodass Personen erst einmal privat unterkommen und sich nicht in erster Linie Gedanken um den Aufenthaltsstatus machen müssen.

Hintergrund

Das Grenzdurchgangslager wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet

Das Grenzdurchgangslager (GDL) Friedland im Landkreis Göttingen wurde am 20. September 1945 auf Anordnung der britischen Besatzungsmacht zur „Durchschleusung und ersten Betreuung von Evakuierten und Flüchtlingen“ eingerichtet. Entscheidend war die zentrale Lage an den Grenzen der britischen, amerikanischen und sowjetischen Besatzungszone. Bis Ende 1945 durchliefen mehr als 500 000 Flüchtlinge, Vertriebene und Heimkehrer die Einrichtung, in den Jahren 1946 und 1947 war Friedland die erste Anlaufstelle für fast 800 000 Menschen.

Seit Mitte der 1950er fanden über zwei Millionen Aussiedler, die seit 1993 als Spätaussiedler bezeichnet werden, Aufnahme im Grenzdurchgangslager. Seit dem 1. Oktober 2000 ist das GDL Friedland die einzige Erstaufnahmeeinrichtung des Bundes für Spätaussiedler in Deutschland. Anfang 2011 wurde Friedland offizielle Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Niedersachsen. In dem Lager wurden seit 1945 mehr als vier Millionen Menschen aufgenommen. brk

Zur Person

Klaus Siems (51) leitet seit dem 1. März 2022 das Grenzdurchgangslager Friedland. Seit 1998 arbeitet er in der Landesaufnahmebehörde. Zwischen 2014 und 2015 war Siems bereits Standortleiter in Braunschweig, bevor er den Aufbau und die Leitung des Standorts in Oldenburg übernahm. Im Dezember 2018 wechselte er wieder nach Braunschweig.

(Thomas Strünkelnberg/lni)

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