Widersprüchliche Aussagen

Messerattacke im Lager Friedland: Freispruch für Asylbewerber

Urteil am Landgericht Göttingen: Der 28-jährige Asylbewerber wurde freigesprochen. Foto: bsc

Göttingen/Friedland. Im Prozess um eine Messerattacke im Lager Friedland hat das Landgericht Göttingen am Freitag einen 28-jährigen Asylbewerber aus Pakistan frei gesprochen.

Nach Ansicht des Gerichts lässt sich wegen massiver Widersprüche in den Zeugenaussagen nicht ausschließen, dass ein anderer Lagerbewohner die Tat begangen hat.

Die Staatsanwaltschaft hatte den 28-Jährigen wegen versuchten Totschlages und gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Sie warf ihm vor, im November vergangenen Jahres in einem Gebäude der Landesaufnahmebehörde einen 24-jährigen Landsmann mit einem Filetiermesser attackiert und schwer verletzt zu haben. Ein Stich traf das Opfer im Brustbereich. Der 24-Jährige hatte nur dank einer sofortigen Notoperation überlebt.

Angeklagter bestritt die Tat

Das Gericht folgte mit seinem Urteil dem Antrag der Verteidigung. Die Staatsanwaltschaft hatte dagegen eine Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren gefordert. Der Angeklagte selbst hatte die Vorwürfe bestritten und ausgesagt, dass ein anderer Landsmann im Verlauf eines Streits in der Küche auf den 24-Jährigen eingestochen habe. Dass das Opfer ihn beschuldigte, führt der 28-Jährige auf ein Komplott zurück. Der 24-Jährige stamme aus der gleichen Region wie der andere Landsmann. Deshalb hätten sich beide gegen ihn verbündet. In Pakistan sei es üblich, die Schuld auf andere zu schieben. Außerdem sei die Familie dieses Landsmannes sehr einflussreich.

Anlass des Streits soll dem Angeklagten zufolge ein Diebstahl gewesen sein. Er habe seine Landsleute zur Rede gestellt, weil diese aus seinem Zimmer Lebensmittel und zwei Messer entwendet hätten. Die beiden hätten sich dann gegenseitig beschuldigt, die Gegenstände gestohlen zu haben.

Das Opfer habe widersprüchliche Aussagen gemacht und den Tathergang vor Gericht deutlich anders geschildert als bei der Polizei, sagte der Vorsitzende Richter Ralf Günther. Unter anderem hatte er vor Gericht angegeben, das er von dem Angeklagten neben dem Messerstich auch mehrere Schläge gegen den Kopf erhalten habe. Davon hatte er dem Rechtsmediziner, der ihn damals untersuchte, allerdings nichts gesagt. Dieser hatte auch keine Hämatome am Kopf feststellen können. Die Polizei hatte damals nur in Richtung des Angeklagten ermittelt und keine weiteren potentiellen Täter in Betracht gezogen. Da es begründete Zweifel gebe, dass der Angeklagte die Tat begangen habe, sei er freizusprechen, sagte der Richter. Außerdem habe er Anspruch auf eine Haftentschädigung.

Der Weg in die Freiheit gestaltet sich für den 28-Jährigen allerdings holprig: Am Ende des Prozesses war noch unklar, wo der Asylbewerber untergebracht wird. Das Lager Friedland ist überfüllt. „Das muss ich jetzt erstmal klären“, sagte sein Anwalt. (pid)

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