Öffentliches Gedenken

Gedenkstunde zur Pogromnacht in Göttingen: Mahnung zu mehr Zivilcourage

Machten sich Gedanken über die deutsche Erinnerungskultur: Jugendliche des Otto-Hahn-Gymnasiums während der Gedenkstunde am Mahnmal.
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Machten sich Gedanken über die deutsche Erinnerungskultur: Jugendliche des Otto-Hahn-Gymnasiums während der Gedenkstunde am Mahnmal.

Öffentliches Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ist gut, sollte sich aber mit Zivilcourage im Alltag verbinden. Das haben sich evangelische Schüler und jüdische Studierende gewünscht.

Göttingen – Sie gestalteten die Gedenkstunde an die Pogromnacht von 1938, die von der Gesellschaft für christliche-jüdische Zusammenarbeit und der Stadt Göttingen am Platz der Synagoge ausgerichtet wurde. 400 Menschen nahmen teil.

„Erinnern – Gedenken – Mahnen. Wo stehen wir heute?“ fragten sich die sieben Jugendlichen, die am Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) den Leistungskurs evangelische Religion von Lehrerin Esther Rauhaus besuchen. Sie tauschten sich mit Göttinger Mitgliedern des Verbands Jüdischer Studierender Nord aus, erfuhren von Jannes Walter, „dass sich jüdische Personen oft als Exoten fühlen“, die „nicht richtig hineinpassen“. Gemeinsam besuchten sie die beiden jüdischen Gemeinden der Stadt.

In ihren Redebeiträgen stellten die jungen Menschen fest, dass es in Deutschland eine lebendige Erinnerungskultur gibt. Sie findet auch die Anerkennung der jüdischen Seite. Anderseits konstatierten die jungen Erwachsenen, dass es nach wie vor Ausgrenzung gibt. „Jüdische Personen wagen es oft nicht, sich in der Öffentlichkeit zu erkennen zu geben“, sagte Walter. Es gebe Übergriffe.

Auf „erschreckende Zuschreibungen“ im Zusammenhang mit der Pandemie machte die Vorsitzende der Judischen Gemeinde Göttingen, Jacqueline Jürgenliemk, am Rande der Veranstaltung aufmerksam. Sie gelte es, „gut in den Blick zu nehmen“. Auch in Göttingen gebe es „Bedrohungen, Hakenkreuz-Schmiereien und sogar Brandanschläge“, räumte Oberbürgermeisterin Petra Broistedt (SPD) ein.

Die jungen Menschen prangerten Antisemitismus an, bezogen aber auch gegen Rassismus, Frauenfeindlichkeit oder die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Stellung. Sie forderten die Zuhörenden auf, im Alltag aktiv zu werden. Die Selbstvergewisserung der Gedenkstundenteilnehmenden als „gute Deutsche von heute“ nicht zu den „schlechten Deutschen von damals“ zu gehören, sollten Taten folgen, mahnte Walter. „Jüdische Personen“ bräuchten keine Gedenktage. Für sie sei die Erinnerung an die Shoah auch nach drei Generationen lebendig.

Es gelte „positive Zeichen“ zu setzen, forderte Petra Broistedt und betonte: „Göttingen bleibt bunt und vielfältig.“ Am Ende der Gedenkstunde sprach Jürgenliemk das jüdische Trauergebet Kaddisch. Schweigend standen die Menschen dort beieinander, wo 83 Jahre zuvor Göttingens repräsentative Synagoge gebrannt hatte. Dann erklang Lejb Rosenthahls Lied „Mir lebn eybik“(„Wir leben ewig“), das 1943 im Wilnaer Ghetto entstand. Die Nazis ermordeten Rosenthal zwei Jahre später. Er wurde vermutlich im Januar 1945 in der Ostsee ertränkt. (Michael Capsar)

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