Angeklagter Chirurg wehrt sich gegen eine Kriminalisierung

Prozess um Transplantationen: "Ich bin kein Halunke"

Göttingen. Der Angeklagte, begleitet von zwei Justizbeamten, betritt den Gerichtssaal, begrüßt seine Anwälte und schaut dann hinter die Glasscheibe in die Zuschauerreihen. Lächelnd winkt er den dort sitzenden Kollegen, Freunden und Angehörigen zu.

Dr. O., der in Untersuchungshaft in der JVA Rosdorf sitzt, präsentiert sich zum Auftakt des Prozesses aufgeräumt und selbstbewusst.

In seinem Statement kommt er auf die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft Braunschweig nur indirekt zu sprechen. Der gebürtige Israeli schildert zunächst seinen „Job“ in der UMG, den er am 6. Oktober 2010 angetreten hatte. Er sei gekommen, um die kleine, beschauliche Abteilung „auf Vordermann zu bringen“. 

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Damals kamen die Transplantationspatienten aus einem Umkreis von 30 Kilometern. Das änderte sich schnell mit dem anerkannten Fachmann. Das Einzugsgebiet wuchs bis Dortmund, Fulda, nach Thüringen und Sachsen. Deshalb seien auch die Transplantationszahlen gestiegen. Zudem habe er die Operationszeit durch modernste Methoden von acht auf zwei bis drei Stunden senken können. Und: Er habe nur Top-Organe transplantiert, bis zu 800 angebotene sogar abgelehnt.

Der Bedarf sei da, man müsse die Patienten schließlich versorgen. In Göttingen hätten damals sogar Patienten unversorgt auf der Warteliste gestanden. „Da habe ich schon vor meinen Antritt in Göttingen geholfen, ohne finanzielle Forderungen.“

Generell ginge es Ärzten immer um das Wohl der Patienten, um nichts anderes. Die Boni-Zahlungen (zunächst ab der 21. Operation 1500 Euro), habe er nicht gewollt und dem damaligen UMG-Vorstand schriftlich mitgeteilt, dass diese „im Transplantationsbereich ethisch-moralisch bedenklich sind“. Aber er hätte keine Wahl gehabt. Alle UMG-Oberärzte hätten diese Regelung im Vertrag.

Grundsätzlich kritisiert O. auch das Verfahren und den Meld-Score, der den Krankenzustand und die Bedürftigkeit der Organempfänger ausdrücken soll. Oft habe er auch an verantwortlichen Stellen, auch in der Bundesärztekammer, darüber diskutiert. Passiert sei nichts.

Der Score sage letztlich nichts über den aktuellen Zustand des Patienten. „Den sehen doch nur wir Ärzte. Zu uns kommen die Patienten, wir haben den Kontakt.“ Bei Leberkrankheiten könnten sich schnell Verschlechterungen einstellen. „Dann muss man schnell transplantieren.“

O. erläuterte auch, dass es in Göttingen zwei weitere Listen gibt. Eine, in der alle transplantierten und noch zu transplantierenden Patienten und Veränderungen des Zustandes vermerkt sind. Eine weitere, in der 20 Patienten als Empfänger im Schnellverfahren, vorbei an der Eurotransplant-Liste aufgeführt und abrufbar sind.

Die Arbeit im Transplantationszentrum sei zeitraubend, aufwändig und mit einer Rund-um-die-Uhr-Ansprechbarkeit verbunden. „Ich bin immer für die Patienten da.“ O. sagt das im Präsens. Gedanklich ist er immer noch im Dienst. Dies ist ein Zeichen für die Identifikation mit seiner „Lebensaufgabe“. Für die wird der ehemalige Oberarzt kämpfen, das hat er in einer selbstbewussten, zeitweise bewegenden Rede deutlich gemacht. „Ich bin kein Halunke, zu dem ich öffentlich gemacht werde, sagt er dann noch.

Wegen Fluchtgefahr bleibt er in Untersuchungshaft.

Von Thomas Kopietz

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