Gezielte Förderung: Chancen im Beruf nach dem Jugendknast

Ausbildungsbereich Metall: Ein junger Erwachsener in einer Werkstatt im Offenen Vollzug auf dem Leineberg in Göttingen. Foto: dpa

Göttingen. Im Offenen Vollzug auf dem Göttinger Leineberg müssen junge Männer zum Teil mehrjährige Haftstrafen absitzen. Diese Zeit im Jugendknast wird gezielt für die Berufsvorbereitung genutzt.

Von dem Projekt profitiert beispielsweise ein 19-Jähriger. Dessen Bewährung war widerrufen worden. Nun muss er eine neunmonatige Haftstrafe absitzen. Nach einem mehrwöchigen Praktikum hat der junge Mann jetzt eine Lehrstelle gefunden - als Verkäufer bei einem Textileinzelhändler. Andere Häftlinge beginnen Ausbildungen in der Gastronomie oder in Metallberufen.

Seit zehn Jahren werden die jungen Leute in der Haft für die Zeit danach fit gemacht. Das Projekt wird von der Agentur für Arbeit finanziert. Es ist in Niedersachsen einzigartig. Bundesweit gibt es ein ähnliches Angebot für junge Strafgefangene nur in Mecklenburg-Vorpommern.

Ständig betreut werden die jungen Männer während der Orientierungsphase von Mitarbeitern der Ländlichen Erwachsenenbildung.

Im Jahr 2014/15 waren 36 junge Männer dabei. 17 von ihnen, also fast die Hälfte, startete anschließend in eine Ausbildung beziehungsweise fand Arbeit. Das ist aus Sicht der Arbeitsagentur ein großer Erfolg. „Wenn es die Maßnahme noch nicht geben würde, müsste sie erfunden werden“, sagt Tobias Broda, Bereichsleiter bei der Göttinger Agentur. Dessen Kollege Walter Schulz entscheidet in Gesprächen, ob die Häftlinge in das Projekt aufgenommen werden. Voraussetzungen: Sie müssen ihre Schulpflicht erfüllt haben und reif zum Start in den Beruf sein. Hans-Jörg Murken, Abteilungsleiter im Offenen Vollzug auf dem Leineberg, bringt es auf den Punkt. „Die Jugendlichen sollen nicht verloren gehen.“ Natürlich müssen sie sich an die strengen Regeln halten. Und wer dies nicht tut, muss in den geschlossenen Vollzug nach Hameln wechseln.

Die Unterstützung für die einzelnen jungen Leute, die bis zu zehn Monaten in dem Programm bleiben, fällt ganz individuell aus. So können sie in den Holz-, Metall-, Maurer und Maurerwerkstätten des Vollzugs Erfahrungen sammeln. Darüber hinaus gibt es Möglichkeiten für die Jugendlichen, sich im Garten- und Landschaftsbau samt Kundenberatung sowie im Gastronomiebereich zu erproben. Durch Praktika in Unternehmen in der Region können sie weitere Erfahrungen sammeln. Dabei zeigen sich viele regionale Arbeitgeber offen für die ungewöhnlichen Auszubildenden. Der Mangel an geeigneten Lehrlingen macht es möglich.

Berufliches Ziel

Für den 19-jährigen Häftling, der bald seine Ausbildung beginnt, ist schon jetzt klar: Bei der zweijährigen Lehrzeit zum Verkäufer soll es nicht bleiben. Er will ein weiteres Jahr dranhängen - und Kaufmann im Einzelhandel werden. (bsc)

Offener Vollzug ist Abteilung der Jugendanstalt Hameln

Der Offene Jugendvollzug auf dem Göttinger Leineberg wurde 1982 als selbstständige Anstalt auf dem Gelände des früheren Landesjugendheims Niedersachsen eingerichtet. Seit 2010 gehört der Offene Vollzug als Abteilung zur Jugendanstalt Hameln.

In die Göttinger Abteilung kommen nur junge Leute, die eine Haft von maximal dreieineinhalb Jahren verbüßen müssen und erstmals in Strafhaft sitzen. Die bis zu 95 jungen Gefangenen leben in Wohngruppen. Jeder bewohnt einen Einzel-Haftraum, für den er selbst verantwortlich ist. Das Leben in der Gruppe wird gemeinsam organisiert - vom Aufräumen und Säubern bis zum Kochen oder der Freizeitgestaltung.

Interessierte können die Gärtnerei besuchen sowie die Angebote von Schlosserei und Tischlerei nutzen. Außerdem kann man montags bis freitags in der Lehrküche Mittagessen bekommen. Dazu ist eine Voranmeldung erforderlich. (bsc)

Kontakt: Offener Vollzug Göttingen, Lehrküche, Rosdorfer Weg 76, 37081 Göttingen, Tel. 0551/5072-790.

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