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Industriedenkmal: Ein Film über die Spinner im Gartetal

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Von: Michael Caspar

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Filmarbeiten im Spinnsaal: von links Thomas Klawunn, Jürgen Haese, Jan Reinartz und Christian Ewald.
Filmarbeiten im Spinnsaal: von links Thomas Klawunn, Jürgen Haese, Jan Reinartz und Christian Ewald. © Michael Caspar

Mit einem Dokumentarfilm will der Verein Historische Spinnerei Gartetal über das Industriedenkmal in Klein Lengden (Gemeinde Gleichen) informieren. Er reagiert damit auf die vorübergehende Schließung des Museums während der Pandemie.

Klein Lengden – „Wir werden den Film noch in diesem Jahr auf unsere Internetseite stellen, historische-spinnerei.de“, kündigt der Vereinsvorsitzende, Jürgen Haese, an. „Die Doku wird zudem in der 1967 stillgelegten Spinnerei laufen, wenn dort gerade keine Führungen stattfinden“, ergänzt Drehbuchautor und Regisseur Jan Reinartz, der im JT als Schauspieler arbeitet.

Das gut 12 000 Euro teure Werk, das Landkreis und Landschaftsverband Südniedersachsen fördern, zeigt die Arbeitsabläufe im Spinnsaal. Dort schufteten einst ein Dutzend Beschäftigte. Der Staub nahm ihnen die Luft zum Atmen. Die lauten Maschinen waren kaum gesichert. Bei Unachtsamkeit drohten Arbeitsunfälle. „Die Bezahlung war schlecht, die Fluktuation hoch“, verrät Regisseur Reinartz. Ihm stehen beim Dreh Thomas Klawunn (Kamera) und Christian Ewald (Ton) zur Seite.

Im Film führt Vereinsmitglied Rolf Meyer vor, wie ein sogenannter „Wolf“ die Wolle mischt. Krempel richten die einzelnen Fasern zu einem Vliesstoff aus. Der Salfaktor spinnt daraus bis zu 240 Fäden gleichzeitig. Die Zwirnmaschine dreht jeweils mehrere Fäden zusammen. Eine Haspel wickelt das fertige Garn auf. Die Maschinen, die aus den Jahren 1886 bis 1904 stammen, sind größtenteils noch funktionsfähig.

„Dass sie nicht schon lange verschrottet worden sind, grenzt an ein Wunder“, betont der Vereinsvorsitzende Haese. „Der Betrieb warf so wenig Geld ab, dass für Ersatzinvestitionen die Mittel fehlten“, weiß Regisseur Reinartz. Die Folge: Die Spinnerei bekam zuletzt Probleme, die steigenden Qualitätsstandards zu erfüllen. 1967 gab Geschäftsführer Wilhelm Neise, der seit 1926 im Betrieb tätig war, aus Altersgründen auf. Die Maschinen deckte er noch mit Tüchern ab. Jahre vergingen.

Bei einem Fahrradausflug stieß die Göttinger Texilwissenschaftlerin Almut Bohnsack auf die Fabrik und warf einen Blick durch die verschmutzten Scheiben. Begeistert von ihrer Entdeckung suchte sie Mitstreiter, um das Industriedenkmal der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 1982 bildete sich ein Verein. Das Spinnereigebäude wurde gekauft. Seit 2001 gehört dem Verein das gesamte Areal.

„In den ersten Jahren entstanden wissenschaftliche Arbeiten“, berichtet Haese – darunter eine Magisterarbeit von Stefan Weller (siehe Kasten). „Sie liegt meinem Film zugrunde“, sagt Regisseur Reinartz. Er nutzt zudem Tonaufnahmen, die damals bei Interviews mit früheren Mitarbeitenden gemacht wurden.

„Der Eichsfelder Wollfabrikant Franz Josef Fromm hatte den Industriebetrieb 1847 im Gartetal gegründet, weil das Wasser des Bachs die nötige Energie lieferte“, weiß der Vereinsvorsitzende Haese.

Zuvor waren an gleicher Stelle bereits eine Getreide- und später eine Papiermühle von der Garte angetrieben worden. (Michael Caspar)

Dokumentarfilm von Stefan Weller lieferte 1986 die Basis

Eine Fabrik in ländlicher Idylle: Dieser Gegensatz hat einst den Göttinger Geschichtsstudenten Stefan Weller fasziniert. Mit seinem Kommilitonen Martin Choroba drehte er 1986 den Dokumentarfilm „Die Spinner im Gartetal“ – nachdem sie sich anderthalb Jahre lang um das nötige Geld dafür bemüht hatten.

Den roten Faden für den Film lieferte ihnen Maria Grams. Sie hatte seit 1941 für Therese Fromm gearbeitet, die Enkelin des Gründers und die Ehefrau des letzten Geschäftsführers. Weller nutzte die Interviews ebenso wie das Archivmaterial als Grundlage für seine Magisterarbeit bei Professorin Helga Grebing. Über ein weiteres Filmprojekt kam der Historiker dann zur Universitätsmedizin Göttingen (UMG), wo er seit 2005 die Pressestelle leitet.

Drehte in den 80-ern über die Spinnerei: Stefan Weller.
Drehte in den 80-ern über die Spinnerei: Stefan Weller. © privat/nh

Martin Choroba wurde 1994 Geschäftsführer der Münchner Tellux-Film, die mehrheitlich katholischen Bistümer gehört. (zmc)

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