„Die Grimms ... in Wort und Tat“

Uni Göttingen: Neue Ringvorlesung über Brüder Grimm

Zufriedene Gesichter: Professor Heinrich Detering und Professor Dr. Christoph Bräuer nach dem ersten Vortrag. Foto: Eriksen
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Zufriedene Gesichter: Professor Heinrich Detering und Professor Dr. Christoph Bräuer nach dem ersten Vortrag.

Göttingen. Mit dem Vortrag „Märchen gegen Grimm“ ist die neue öffentliche Ringvorlesung der Universität Göttingen, „Die Grimms ... in Wort und Tat“ eröffnet worden.

In seinem Vortrag stellte Professor Heinrich Detering die These auf, dass die Grimmschen Märchen ihre Wirkungsgeschichte nicht nur als Modell, sondern auch als Provokation entfalten, und zwar sowohl in Experimenten als auch in Parodien. Detering hat mit Professor Dr. Christoph Bräuer die Ringvorlesung des Sommersemesters 2013 organisiert.

Der Anspruch und das Ziel der von den Romantikern Anfang des 19. Jahrhunderts teils gesammelten, teils erfundenen Märchen war eine Rückkehr zur guten, reinen, einfachen und natürlichen Welt des Kindes, kurz zum Paradies. Novalis formulierte es so: „Wo Kinder sind, da ist ein goldenes Zeitalter“.

Detering zeigte im Vergleich von Grimms Märchen „Sterntaler“ mit Georg Büchners Märchen aus dem Drama „Woyzeck“ und mit Theodor Storms „Der kleine Hävelmann“ den Verlust dieses Paradieses.

Der Göttinger Literaturwissenschaftler stellte danach die „Märchenromane“ des 20. Jahrhunderts kurz vor, darunter „Königliche Hoheit“ von Thomas Mann und dessen „Der Zauberberg“, in dem die märchenhafte Zahl 7 eine durchgehende Rolle spiele.

Mehrere von Franz Kafkas Erzählungen seien Märchen, so Detering weiter. In „Die Verwandlung“ werde ohne Verwunderung hingenommen, dass die Hauptperson Gregor eines Morgens als Käfer aufwacht. Breiten Raum nahmen die „Aufgeklärten Märchen“ von Peter Rühmkorf sowie seine „Aha-Momente und Sternschnuppen-Einfälle“ ein.

Günter Grass hat auf vielfältige Weise auf Märchen zurückgegriffen, in „Die Blechtrommel“ (Oskar als moderner Daumendick) und in „Der Butt“ (De Fischer un sine Fru), einer geschichtsphilosophischen Parabel über die Weltgeschichte. Durch „Die Rättin“ geistern nicht nur Märchengestalten, sondern auch die Grimms selbst.

Zwei Richtungen haben die Grimmschen und andere europäische Märchen in der amerikanischen Popkultur genommen. Zum einen sind es Disney-Zeichentrickfilme wie „Schneewittchen“, die den „Butzenscheibenton“ der Originale in Bilder umgesetzt haben. Zum anderen gibt es die bitteren Rocksongs von Bob Dylan „Like a Rolling Stone“ und „Under the Red Sky“ mit Aschenputtel/Cinderella und „Hänsel und Gretel“ als Vorlage, die man als Anti-Grimm-Disney-Märchen bezeichnen kann.

Leider entfiel aus Zeitgründen das Abspielen der Songs. Zum Schluss nannte Detering noch die jüngsten Entwicklungen in der Rezeption von Grimms Kinder- und Hausmärchen, Horror-Filme und Computerspiele.

Von Anne-Lise Eriksen

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