Interview vor der Lesung in Göttingen

11-Freunde-Macher Kirschneck: Der Meckerer steckt in allen Fans

+
Neue Köpfe im Dress der Schalker Kremers-Zwillinge: Philipp Köster (links) und Jens Kirschneck (rechts) werben mit dieser Foto-Montage für ihre Fußball-Unterhaltungslesungen.

Göttingen. Die Fußball-Saison geht in die heiße Phase: Ein Spitzenspiel jagt das nächste. In Göttingen kommt es am Sonntag im Literarischen Frühling zum fußball-literarischen Doppelpass der Chefredakteure des Magazins 11-Freunde: Philipp Köster und Jens Kirschneck.

Sie bieten ein Fußball-Unterhaltungsformat, bei dem nicht ernsthaft über Fußball diskutiert wird, ein Mix mit satirischen Fußballtexten, Filmfundstücken und Anekdoten aus der Welt des runden Kunststoffball.

Wir sprachen mit Jens Kirschneck über 11-Freunde, den Sportjournalismus und – logisch – über Fußball.

Zwei Bielefelder an der Spitze machen das Magazin „11-Freunde“. Sind Fans aus Bielefeld dafür prädestiniert?

Jens Kirschneck: Das kann man als Bielefelder sehr gut machen, besser als Fans von Bayern München. Als Fan von Arminia Bielefeld, Hessen Kassel oder Göttingen 05 ist man dafür prädestiniert, weil man den Fußball in seiner ganzen Bandbreite – von Himmel hochjauchzend bis (Schwerpunkt auf:) zu Tode betrübt – durchlebt und mitbekommt. Und Selbstironie als Überlebensstrategie entwickeln muss. Der spezifische Humor ist wichtig und zieht sich durch das 11-Freunde-Heft.

Wie kam es zu Euren Fußball-Lesung-Tourneen?

Kirschneck: Eigentlich ging es darum, den Leser das unbekannte Wesen kennen zu lernen. Zunächst waren es mehr Lesungen. Jetzt ist es Unterhaltung. Dabei geht es auch um das, was wir so erleben, wenn wir Prominente oder Nicht-Prominente treffen, die sich skurril verhalten.

Welche Stars kommen vor?

Kirschneck: Wir erzählen auch über Horst Hrubesch oder Lothar Matthäus oder andere Stars, die uns vor die Flinte gelaufen sind. Und darüber, welche Welten da so aufeinander treffen, weil sie sich ganz anders verhalten als gedacht. Oder eben, dass sie sich so verhalten wie erwartet, was wiederum viel zu sehr dem Klischee entspricht. Stichwort Lothar Matthäus.

Und?

Kirschneck: Philipp hat Lothar Matthäus im Hotel in Budapest getroffen, und Lothar gab den Mann von Welt. Obwohl alle Angestellten im Hotel Deutsch sprachen, trotzdem bestellte und antwortete Lothar immer auf Englisch. Großartig. Und er wurde von seiner Frau angerufen, drückte das Gespräch weg. Dann wurde er angerufen vom Käfer-Wirt in München – und drückte das Gespräch nicht weg. Solche Dönekens erzählen wir auch.

Notizen der alltäglichen Arbeit, die selten alltäglich ist...

Kirschneck: Richtig. Wir stehen eben oft noch wie der Ochs vorm Berge, weil wir im Grundimpuls noch die Fans aus der Kurve sind, die denken, wo bin ich hier reingeraten. Deshalb versuchen wir, und ich hoffe es gelingt uns auch immer noch, diese selbstironische Form von Journalismus zu machen.

Wie kommst Du als Old-School-Fan mit der kommerziellen Fußball-Welt von heute klar, als Fan und Autor?

Kirschneck: Man muss diesen Spagat aushalten, denn die Erfolgsgeschichte „11-Freunde“ ist ohne die Kommerzialisierung des Fußballs nicht denkbar. Dass „11-Freunde“ heute 80.000 Exemplare verkauft, hat ganz viel mit der WM 2006, dem Sommermärchen, und dem was daraus entstanden ist, zu tun. Natürlich haben wir noch eine große Basis von Old-School-Fans, aber es gibt auch die anderen. Wir können also nicht sagen: Kommerzialisierung – böse, böse, böse!

Ihr beleuchtet aber auch die andere Seite des Fußballs...

Kirschneck: Ja, diese Dinge im kleinen Fußball und mit Alt-Stars, denen keiner etwas vorschreibt, machen mir am meisten Spaß, mehr als die Geschichten um den glattgebügelten Hochglanzfußball, wo jedes Zitat eines Spielers abgesegnet werden muss. Wir können aber nicht auf den großen Fußball und Stars verzichten. Die Mischung macht es. Und die Geschichten müssen eine gewisse emotionale Fallhöhe haben. Beispiel: Wir hatten eine Story über den Star David James, der im Spätherbst seiner Karriere zu einem obskuren isländischen Verein wechselte und dort als millionenschwerer Kicker mit Enthusiasmus diese Aufgabe anging. Das war eine faszinierende, schöne Geschichte. Also: Nicht nur der Kreisliga-Fußball bietet die anderen Stories.

Fanschaft und neutrale Berichterstattung, wie geht das zusammen?

Kirschneck: Ich muss das trennen: Eine professionelle Distanz zu wahren, selbst wenn ich über Arminia Bielefeld schreibe, das erwarte ich von mir. Es ist mir aber nicht immer gelungen. Als ich für Tageszeitungen wie die Süddeutsche zu Bundesliga-Zeiten über Arminia schrieb, passierte so etwas. Nach einem SZ-Bericht rief mich der TV-Kollege Werner Hansch entrüstet an. Er bemängelte, dass im Spielbericht, Schiri-Entscheidungen zugunsten Bielefelds nicht auftauchten: „Kollege Kirschneck, was sie dort betreiben, ist Lokalpatriotismus unter dem Deckmantel des objektiven Journalismus.“ Er war stinkesauer, hat übertrieben, aber hatte in diesem Moment doch nicht hundertprozentig Unrecht. Ich finde es deshalb gut, dass ich weiter über Fußball schreibe, aber nur in Ausnahmefällen über die Arminia. So kann ich die Unparteilichkeit wahren. Im Übrigen: Der Meckerer steckt ja in uns allen. Soll heißen: Auch Fans – und schreibende Fans – sind nicht immer auf einem Auge blind.

Meckern am Spielfeldrand, ist das eigentlich ein typisch deutsches Phänomen?

Kirschneck: Nee. Ich war neulich mit meiner Frau im Portugal-Urlaub bei einem Jugendturnier als Zuschauer und kann nur sagen, von wegen deutsches Phänomen: in Portugal das Gleiche! Komplett von der ersten bis zu letzten Minute durchschreiende Mütter.

• Deutsches Theater, Sonntag, 17. April, 19 Uhr, 11-Freunde Jens Kirschneck/Philipp Köster, Karten: www.literaturherbst.de, im Lit-Herbst-Büro oder an der Abendkasse

Link zum Thema:

- Website von 11-Freunde

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.