110. Geburtstag des großen Humoristen

Heinz Erhardt: Ein sprachgenialer Spießbürger mit Karriere in Göttingen

Göttingen - Der große deutsche Komiker wäre am 20. Februar 110 Jahre alt geworden und starb vor 40 Jahren. Die Filmstadt Göttingen spielte in der Karriere eine Hauptrolle

Es ist unscheinbar – das mannshohe Standbild auf dem Rasen vor dem Restaurant Vapiano am Weender Tor in Göttingen. Aber die Figur ist ein Star – wie der Mann, der fotorealistisch als Polizist Dobermann dargestellt wird: Heinz Erhardt.

Ein Schelm

Der beleibte Mann mit dem spärlichen Haarschopf(„Heute trage ich die Haare offen.“), der null-acht-fuffzehn Hornbrille, den lebendigen Augen und dem verschmitzten Lächeln hat schon gewonnen, wenn er leicht vornübergebeugt auf der Bühne steht, den Kopf auf die Seite legt und die Begrüßung spricht: „Meine lieben Damen, und die, die ihnen nachlaufen.“

Heinz Erhardt, ab Mitte der 50er-Jahre in der fernseharmen Zeit des deutschen Kinos der Normalo und Spießbürger, der eben diesem den Spiegel vorhält – aber nicht als trotziger Rock‘n‘Roller, sondern als liebenswerter Schelm („Ach, was bin ich wieder für ein Schelm heute!“), der schusselig und manchmal gar heldenhaft daher kommt.

Widersprüche

Im Film fährt er den Käfer, privat längst die Limousine mit dem Stern. Und noch ein Anachronismus: Im Film „Witwer mit 5 Töchtern“ von 1957 ist Erhardt alias Friedrich Scherzer ein alleinerziehender Mann – in Zeiten hunderttausender zwangsalleinerziehender Kriegerwitwen. Zu Hause aber ist der Vielarbeiter selten und kein versorgender Vater – höchstens bei Home-Storys für die Reporter. Übel nehmen ihm das nur wenige.

Alleinerziehend in Göttingen: Heinz Erhardt als Friedrich Scherzer in „Witwer mit 5 Töchtern“. Von links Susanne Cramer, Vera Tschechowa, Angelika Meissner, Christi ne Kaufmann und Elke Aberle. Foto: Stefan Helfrich/nh

Atelier in Göttingen

Die Karriere geht voran und wird maßgeblich von der Filmstadt Göttingen beeinflusst. Dort im modernsten Atelier Deutschlands entstehen acht Streifen mit ihm, Anzutreffen ist Erhardt mit Stars wie Ingrid van Bergen, Christine Kaufmann, Peter Weck und Vera Tschechowa seinerzeit aber auch außerhalb des Ateliers auf Göttingens Straßen und Plätzen – und nicht nur dort, sondern auch in Einbeck, Witzenhausen, Trendelburg und Kassel, wo die Treppenstraße zum Double für Hamburgs City wird.

Polizist Dobermann

Ein Bild in Göttingen aber bleibt in den Köpfen: Polizist Dobermann steht 1959 auf einem Podest mitten an der Kreuzung Weender Tor, regelt in „Natürlich die Autofahrer“ den Verkehr, notiert akribisch jedes vorbeirasende Auto. Ein Mercedes-Cabrio mit dem schicken Erik Schuhmann am Steuer, prescht unerlaubt in den Maschmühlenweg. Es trägt ein KS-Kennzeichen.. Der überzeugte Fußgänger jedenfalls macht im Film sogar noch den Führerschein. Bei der Prüfungsfahrt schert er sich um nichts, jagt einem Bankräuberauto nach – an den Drehorten Wilhelmshöher Allee in Kassel und Rondell am Göttinger Theater.

Eisessen in Einbeck

Als er in einer Drehpause in Einbeck ein Eis essen will, zollt er dem Ruhm Tribut: Autogramm- und Fotowünsche lassen das Eis dahinschmelzen. Aber: Erhardt mag es durchaus erkannt zu werden.

Bunte Reklame für Schwarz-Weiß-Film: “Vater, Mutter und 9 Kinder“ mit Heinz Erhardt. Foto: Archiv Stefan Helfrich/nh

Schicksal Schlaganfall

Dass ausgerechnet dem so virtuos wie verständlich mit Worten jonglierenden Erhardt 1971 durch einen Schlaganfall die Sprache geraubt wurde, ist ein brutales Schicksal. Eine letzte Rolle spielt er dennoch: Dabei musste er nur sitzen und lachen. Er tat es.

Erhardt lebt in Göttingen weiter

Für Göttingen hat Heinz Erhardt noch heute „einen ganz besonderen Stellenwert“, wie Filmkenner Sven Schreivogel sagt. „Er ist das Gesicht der Filmstadt Göttingen. Hier spielte er seine erste Hauptrolle. Hier verdreifachte sich Erhardt sogar“, verweist er auf „Drillinge an Bord“, als er, unterstützt von damals aufwendiger Technik, Heinz Bollmann und zwei Brüder spielt. In Göttingen also lebt Heinz Erhardt, der nie vergessen werden wollte, weiter. Am „Guldenhagen“ kann es Fans, die das „Dobermann“-Haus entdecken, passieren, von Eigentümer Dr. Jens Lundberg wie folgt begrüßt zu werden: „Guten Tag, Dobermann.“ Die Kopie des echten Dobermanns steht weiter am Weender Tor, dem Heinz-Erhardt-Platz, aber ausgerechnet für vorbeifahrende Autofahrer ist sie nur schwer zu sehen.

Wortspiele und Verse von Heinz Erhardt

Der Humor von Heinz Erhardt basierte oft auf Wortspielen und verdrehten Redewendungen, die er im Vortrag mit einer sympathisch-kräftigen Betonung sowie gespielter Schusseligkeit auf die Bühne brachte. Als seine Vorbilder nannte er vor allem Erich Kästner, Christian Morgenstern und Joachim Ringelnatz. Hier zwei Reime: „Warum die Zitronen sauer wurden“: „Ich muss das wirklich mal betonen: Ganz früher waren die Zitronen (ich weiß nur nicht genau mehr, wann dies gewesen ist) so süß wie Kandis. Bis sie einst sprachen: Wir Zitronen, wir wollen groß sein wie Melonen! Auch finden wir das Gelb abscheulich, wir wollen rot sein oder bläulich!“ Gott hörte oben die Beschwerden und sagte: „Daraus kann nichts werden! Ihr müsst so bleiben! Ich bedauer!“ Da wurden die Zitronen sauer...“

„Der Berg“: „Würden sämtliche Berge der ganzen Welt zusammengetragen und über einander gestellt – und wäret zu Füßen dieses Massivs ein riesiges Meer, ein breites und tiefs. Und stürzet dann unter Donnern und Blitzen der Berg in dieses Meer – na das würd´ spritzen!“

Der Göttinger Germanist Prof. Heinrich Detering jedenfalls bezeichnete Erhardt treffend als „einen Poeten, der es sich selbst und seinen Lesern nicht immer leicht gemacht hat, weil er es ihnen zu leicht machen wollte“.

 

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