Viele Aktionen am Sonntag

20 Jahre Lokhalle in Göttingen: Powerbeat statt Dampfloks

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Die unbekanntere Ansicht: Die vor 20 Jahren nach einem Umbau eröffnete Göttinger Lokhalle ist das größte Veranstaltungszentrum der Region. Die Halle bietet bei Konzerten bis zu 10 000 Stehplätze, ist aber auch Messe-Standort und Sportstätte.

Göttingen. Vor 20 Jahren wurden – auch gegen den Widerstand vieler Göttinger – in der Uni-Stadt einiges auf den Weg gebracht: Kaufpark, Badeparadies Eiswiese und Lokhalle gingen „ans Netz“. 

Das Kulturdenkmal Lokhalle nimmt dabei als historisches Gebäude eine Sonderrolle ein. Am Sonntag wird mit einem Tag der offenen Tür gefeiert.

Der Streit darum, was aus der alten Lokhalle hinter dem Göttinger Bahnhof werden sollte, war groß und wurde mit langen Atem geführt – und wird von manchem älteren Göttinger angesichts des Ergebnisses noch immer geführt. Es gab viele Pläne: zum Umbau, Anbau, sogar der Abriss war in der Diskussion.

Die Lokhalle aber steht und ist heute weit bekannt, als Veranstaltungszentrum für Messen, Tagungen, Aktionärsversammlungen, Sport-Events wie BG-Basketball-Bundesligaspiele und vor allem großartige Konzerte, wo auch Mega-Stars gerne einmal Station machen. Angesprochen auf die „Location“, sind nur positive Reaktionen zu hören. Die Lokhalle beeindruckt, hinterlässt Spuren, auch bei Musikern, die tagtäglich woanders spielen. „Das ist immer wieder fantastisch hier, vor allem die Atmosphäre“, sagte Revolverheld-Sänger Johannes Strate jüngst nach dem NDR-2-Soundcheck-Finale. Und Campino kletterte beim Tote-Hosen-Konzert einst an den mächtigen Metallträgern empor. Möglichkeiten, die ein hypermoderner, nüchterner Hallen-Dome nicht bietet.

Riesen-Flaschenzüge

Die Lokhalle steht optisch zu ihrer Geschichte: Versenkte Schienen verlaufen am Hallenboden, mächtige Kranrollen und Flaschenzüge hängen an den Deckenträgern. Es ist ein vitaler Industriecharme. Mit modernen Zweckhallen kann die Lokhalle trotzdem mithalten. Sie hat den Vorteil, dass sie von allen Seiten bespielbar ist. „Die Flexibilität ist riesengroß und eine Stärke“, sagt Nicole Klammer aus dem Management.

Chefin GmbH für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen (GWG): Ursula Haufe

Für Ursula Haufe ist das hervorragend gelegene und per Bahn, Auto, Rad und zu Fuß erreichbare Veranstaltungszentrum letztlich „ein Geschenk und ein enorm wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt – und darüberhinaus“. Haufe ist seit 2012 wieder zurück in Göttingen, übernahm von Vorgänger Klaus Hoffmann, und ist nun die „Hausherrin“ des Areals, als Geschäftsführerin der Göttinger Wirtschaftsgesellschaft (GWG), die die Lokhalle – wie auch die aktuell in der Totalsanierung befindliche Stadthalle – bewirtschaftet.

Beeindruckende Zahlen

Die Worte der Geschäftsführerin werden durch Zahlen untermauert: Das CIMA-Gutachten von 2014 bescheinigt der Lokhalle eine Gesamtwertschöpfung von satten 24 Millionen Euro. Die an 270 Tagen buchbare Halle ist zu 93 Prozent belegt. Belegungstage sind Veranstaltungstage plus Auf- und Abbautage. Denn durch dreitägige Messen blockieren die Halle schon mal eine ganze Woche. Damit nicht genug: „Für 2018 erwarten wir eine hundertprozentige Auslastung“, sagt Klammer.

Das wird so bleiben, denn durch die Stadthallensanierung bis wohl 2021 kommen einige Veranstaltungen in die Lokhalle. Alle können aber nicht aufgefangen werden. Das Göttinger Symphonie Orchester jedenfalls wird eine vorübergehende Bleibe für einige Konzerte in der Lokhalle finden – es wird auch am kommenden Sonntag dort spielen.

Video: Darts in der Lokhalle

Die Lokhalle wurde im Jahr 2011 erweitert: Halle 3, ein ehemaliges Lager mit 1000 Quadratmeter Fläche wurde umgebaut – fünf Tagungsräume entstanden daraus dank flexibler Wände im Jahr 2018. Eine wichtige Erweiterung, auch des Angebotes, wie Ursula Haufe sagt, die ebenfalls den Bau einer flexiblen Lagerhalle auf dem Gelände ankündigt. Das ist nötig, denn zurzeit werden die flexiblen Zuschauertribünen im Freien an der Hallenwestseite gelagert.

Der Bau einer neuen Stadthalle ist derweil vom Tisch. Das Veranstaltungszentrum auf dem einstigen Ausbesserungswerk der Bahn wäre dadurch weiter aufgewertet worden, glaubt Ursula Haufe. Die 55 Mitarbeiter der GWG werden aber auch so weiter mit „ihrer“ Lokhalle genug zu tun haben, denn die dampft zwar nicht mehr aber „brummt“ ordentlich – oft auch bedingt bei Konzerten durch Power-Beats.

Stars in der Lokhalle: Beim NDR-2-Soundcheck-Festival 2013 stand Frida-Gold-Sängerin Alina Süggeler auf der Bühne.

Laut war es auch stets bei den Basketballspielen der BG. Gegner nannten die Halle ob der unfassbaren Atmosphäre auch „Lokhölle“, ein Begriff, den die Göttinger gern hörten. Viele BG-Fans sehnen sich noch heute zurück in ihre Lokhölle.

Die Hitliste: „Best of Lokhalle“

Wir haben Ursula Haufe und Nicole Klammer nach ihren Top-Veranstaltungen in der Lokhalle befragt: „Ein Erlebnis war die ZDF-Liveshow ‘Wetten dass..?‘ mit Thomas Gottschalk“, sagt Haufe, 1200 Zuschauer in der Halle und fast 15 Millionen vor den TV-Geräten bedeuteten eine enorme Werbewirkung. „Ebenso der live übertragene Bundesvision-Song-Contest mit Stefan Raab 2014.“ Wichtig von Beginn an: der Sparkassen/VGH-Cup mit Spitzennachwuchsfußballteams, Pop-Meets-Classic, Festival der Turnkunst sowie die Lokolino-Messe. „Nicht zu vergessen seit zwei Jahren dieDarts-Turniere.“ Bei Konzerten erinnert sich Haufe besonders an „Die Ärzte“, die „Toten Hosen“, Joe Cocker, das NDR-2-Soundcheck-Finale und Sting, den sie gerne noch einmal hier sehen möchte. Events seien auch „Faust“ vom Deutschen Theater sowie die Basketball-Spiele der BG Göttingen gewesen. Wichtig ist für Haufe auch, dass die Lokhalle von vielen gefördert wurde, vor allem den Oberbürgermeistern, Vorgänger Hoffmann und Veranstaltungsmanager Michael Tenner.

Göttinger Lokhalle in Zahlen

Die Göttinger Lokhalle als Veranstaltungszentrum ist 20 Jahre in Betrieb. Dazu Zahlen:

Hallen bilden die eigenliche Lokhalle:. Halle 1 umfasst 5400 Qudratmeter, 10.000 Stehplätze ist die Maximalkapazität. Halle 2 fasst 1200 Zuschauer auf Sitzplätzen, 2000 Stehplätze: Größe 3000 Quadratmeter.

15 Millionen Euro Wertschöpfung blieben aus dem Betrieb der Lokhalle 2014 in der Stadt Göttingen und Region.

70 Prozent aller Nutzer, die die Lokhalle buchen, sind überregional beheimatet. Grund auch: Die Halle in Göttingen liegt im Zentrum Deutschlands – ist gut aus allen Richtungen erreichbar.

161 Meter lang und 106 Meter breit ist der Lokhallen-Komplex, größte Höhe: 17 Meter.

1210 Veranstaltungen gab es bisher in nun 20 Jahren in der Lokhalle. Grund auch: Die Halle in Göttingen liegt im Zentrum Deutschlands – ist gut aus allen Richtungen erreichbar.

85.000 Quadratmeter groß ist das Areal der Lokhalle.

260.000 Menschen kamen 2006 in die Lokhalle, ein Top-Wert. Grund auch: Die WM 2006 mit den Liveübertragungen im Sartorius-Village zogen mächtig Zuschauer.

4.000.000 waren seit der Eröffnung 1998 zu Veranstaltungen in die Lokhalle, also rund 200.000 pro Jahr.

Geschichte der Lokhalle: Teilweise mehr als 1000 Beschäftigte

Die Lokhalle ist mit dem Start der Eisenbahn in Göttingen verknüpft: Am 31. Juli 1854 lief der erste Zug in der Uni-Stadt ein. Ein Lokschuppen gehörte zur dafür gebauten Infrastruktur. Die heutige Lokhalle wurde 1917 gebaut, 1920 fertig, sie hieß korrekt Lokomotivrichthalle und sie war eigentliche die Reparaturhalle für Loks.

Video: So kann die Lokhalle genutzt werden

Mächtige Kräne unter der Decke angebracht, konnten die Monster anheben und auf Gruben heben. All das gehörte zum Ausbesserungswerk und wurde 1855 betrieben. Während des 2. Weltkriegs ruhte zum Teil die Lokomotivausbesserung, sie begann aber praktisch wieder mit der Besetzung Göttingens durch die Amerikaner am 8. April 1945. Teilweise wurde in Kreiensen gearbeitet. Göttingen war Ende der 50er Jahre ein der Größenordnung nach mittleres unter den noch 14 Ausbesserungswerken in der damaligen Bundesrepublik. Das Einzugsgebiet reichte von Flensburg bis Stuttgart und Nürnberg. Durchschnittlich 30 Lokomotiven dreier Typen, deren Reparaturzeit sich jeweils auf 15 bis 20 Tage belief, befanden sich zur Instandsetzung im AW. Alle acht bis zehn Jahre war die Lok-Untersuchung fällig. 116 Beamte, 922 Lohnbedienstete und 66 Lehrlinge bezogen jährlich etwa 2,5 Millionen Mark an Löhnen und Gehältern – heißt es in dem Buch „Göttinger Lokhalle“ des GT.

Nach dem 2. Weltkrieg nahm die Beschäftigtenzahl durch den wachsenden Autoverkehr und die Umstellung auf Diesel- und Elektro-Zugbetrieb ab. Die Folge: Gegenüber 1684 Beschäftigten 1948 waren 1962 noch 818 Mitarbeiter verblieben. Anfang der 60er-Jahre diskutierte man, das Werk stillzulegen. Ende 1965 war klar: Es geht weiter. Aber das AW war nicht mehr selbstständig, sondern gehörte zu Hannover. 360 Mitarbeiter blieben vor Ort, warteten und zerlegten auch Güterwagen.

Zum Ende, am 31. März 1976, waren noch neun Beamte, eine Angestellte, zwei Betriebsarbeiter und 131 Werkstättenarbeiter dabei. 1981 wurde die Lokalle Baudenkmal. 1987 kauft die Stadt das Areal, nachdem Vorbesitzer Ebel Nebengebäude hatte abreißen lassen.

Am Sonntag ist Tag der offenen Lokhalle

Für alle kostenlos offen: Die Lokhalle zeigt sich am Sonntag, 9. Dezember zum 20-jährigen Bestehen als Veranstaltungszentrum – von 10 Uhr bis 20 Uhr. Zur Eröffnung wird die Ausstellung „Lokhalle Göttingen – eine Zeitreise“ mit Norman Lippert von Histokultur gestartet. Ganztägig werden angeboten: „Schlittschuhlaufen auf der „Eiszeit-Fläche“ hinter der Halle, Technikshow (stündlich), Lokolino Kinderecke, Workshops des Göttinger Symphonie Orchesters (GSO), Führung „Blick hinter die Kulissen“. Natürlich gibt es jede Menge Musik mit: Rathaus Rocker (12 Uhr), Sam White (13 Uhr), The Original Beatniks (14 Uhr), Freight Yard (15 Uhr), Alexmax&Mo (16 Uhr), Kyles Tolone (17 Uhr), Floot (18 Uhr) und GSO (19 Uhr). Ende ist um 20 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos, Speisen und Getränke werden zu günstigen Preisen angeboten.

Weitere Infos zur Lokhalle gibt es hier.

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