Berühmter Göttinger

275. Geburtstag des Gelehrten Lichtenberg: Der kleine Größte

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Lichtenbergs Schiffsreise: Sie führte ihn 1770 zum englischen Hof von Georg III., der ihn zum außerordentlichen Professor ernannte. Das Stück „Der größte Zwerg“ läuft im Lichtenberg-Jubiläumsjahr im Jungen Theater Göttingen mit (von links) Peter Christoph Scholz, Agnes Giese, Linda Elsner, Jan Reinartz und Franziska Lather.

Göttingen. Georg Christoph Lichtenberg wäre am heutigen Samstag 275 Jahre alt geworden. Wir erinnern an den Göttinger Universalgelehrten.

Die echten Gesichtszüge dieses Mannes kennt niemand. Sehr wohl bekannt ist aber, dass Georg Christoph Lichtenberg klein war, etwa 140 Zentimeter maß, zwei Buckel und eine Denkerstirn hatte.

Buchdeckel: Katalog zur Ausstellung „Lichtenberg-Reloaded“ in Göttingen.

So beschrieben Freunde den Universalgelehrten, der vor der Existenz der Fotoapparate lebte – vom 1. Juli 1742 bis zum 24. Januar 1799. Als Abbildungen existieren nur der Scherenschnitt eines Studenten und eine Zeichnung, wie der Künstler WP Fahrenberg erzählt. Er ist Lichtenberg-Kenner und Kurator der sehenswerten Ausstellung im Göttinger Alten Rathaus mit dem Titel „Lichtenberg reloaded“.

Neu geladen hat die Stadt Göttingen Lichtenberg aber nicht nur zum 275. Geburtstag. Die Wiederentdeckung des wohl größten Kleinen in der Historie der Uni-Stadt bekam vor 25 Jahren einen Schub: mit der Aufstellung einer Skulptur am Alten Rathaus. Gefertigt wurde sie aus den Überbleibseln von Diktatoren: Der albanische Bildhauer Fuat Duskhu benutzte die Bronze von in Albanien eingeschmolzenen Skulpturen ausrangierter Diktatoren wie Lenin, Stalin und Enver Hodscha.

Die aus recycelten Kommunisten-Führern hergestellte Skulptur wurde der Stadt von dem heimischen Künstler Tete Böttger geschenkt, der somit als Anschieber für das Lichtenberg-Comeback in Göttingen gilt, das auch von der Lichtenberg-Gesellschaft unterstützt wird.

„Nun ist er auch den Göttingern wieder stärker bekannt“, freut sich WP Fahrenberg. Im restlichen Deutschland allerdings zählt Lichtenberg nicht zur Riege der verstorbenen Wissenschaft-Stars. „Japaner kennen Lichtenberg besser als Deutsche“, sagt Fahrenberg.

Vielleicht hat nur das Marketing versagt, denn Georg-Christoph Lichtenberg war unzweifelhaft ein Star: Multi-Gelehrter, begnadeter Wissenschaftler und Erfinder, beachteter Philosoph, feiner Beobachter und präziser Schreiber. Und er war ein glänzender Hochschullehrer, ausgestattet mit Wissenschatz und einer gehörigen Portion Humor: Seine Vorlesungen waren eine Schau, wie es auch das Junge Theater in seinem Stück „Der größte Zwerg“ wunderbar zeigt.

Heute ist Lichtenberg an mehreren Orten in der Stadt präsent wie vor der Paulinerkirche, wo er samt Buch auf einer Bank sitzt. Einen Pilger-Ort für die wachsende Zahl der Lichtenberg-Fans aber gibt es schon seit 1799 in Göttingen – das Grab mit Kreuz auf dem Bartholomäusfriedhof.

In der Szene ist Lichtenberg längst wieder eine Hausnummer: Viele Künstler, wie schon Horst Janssen in den 50-ern, nehmen seine Werke und Aphorismen als Inspiration, lassen sich zu Zeichnungen und Gemälden animieren. Mehr als 42 Künstler huldigen ihm in der Ausstellung „Lichtenberg reloaded“. Georg Christoph Lichtenberg ist also wieder „in“ – sein 275. Geburtstag ist dafür nicht der alleinige Grund, sondern vor allem der zeitlose Wert seiner Weisheiten. Hätte der kleine Große damals schon Whatsapp und Facebook genutzt, dann wäre er dank seiner Sprüche sicher reich und berühmt geworden.^

Das Leben Lichtenbergs

Lichtenberg wurde am 1. Juli 1742 in Oberramstadt (heute Landkreis Darmstadt-Dieburg) geboren. Er war das 18. Kind eines Generalsuperintendenten. Infolge einer rachitischen Erkrankung in seiner Kindheit war er bucklig. Man ging von einer geringen Lebenserwartung aus.

Von 1763 bis 1766 studierte er Mathematik und Naturwissenschaften in Göttingen, galt dort schnell als genial. 1770 wurde er zum ersten Professor der Experimentalphysik. Er redigierte ab 1778 den Göttinger Taschenkalender.

Lichtenberg ist bekannt für seine geistreichen Aphorismen und wissenschaftlichen Abhandlungen, aber auch für seine modernen Vorlesungen und praktischen Vorführungen. Mit gasgefüllten Schweinsblasen nahm er die Ballonfahrt vorweg.

Lichtenberg galt als lebensfroh und und fand seine große Liebe Margarethe Elisabeth Kellner in Göttingen. Er starb dort am 24. Februar 1799.

Die schönsten Lichtenberg- Aphorismen

Bezahlen: „Es gibt Leute, die gut zahlen, die schlecht zahlen, Leute, die prompt zahlen, die nie zahlen, Leute, die schleppend zahlen, die bar zahlen, abzahlen, draufzahlen, heimzahlen - nur Leute, die gern zahlen, die gibt es nicht.“

Engel: „Wer einen Engel sucht und nur auf die Flügel schaut, könnte eine Gans nach Hause bringen.“ Wahrheit „Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu versengen.“

Spiegel: „Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel herausgucken.“

Moral: „Jeder Mensch hat auch seine moralische backside, die er nicht ohne Not zeigt, und die er so lange als möglich mit den Hosen des guten Anstandes zudeckt.“

Menschen: „Man muss sich Menschen nach ihrer Art verbindlich machen, nicht nach der unsrigen.“

Verstand: „Wenn er seinen Verstand gebrauchen sollte, so war es ihm, als wenn jemand, der beständig seine rechte Hand gebraucht hat, etwas mit der Linken tun soll.“

Sprüche über Lichtenberg

Robert Gernhardt: „Wenn man sich mit Lichtenberg beschäftigt, besteht die große Gefahr, in ihm zu versinken...Man kommt eigentlich nie von ihm los.“

Wolfgang von Goethe: „Lichtenbergs Schriften können wir uns als der wunderbarsten Wünschelrute bedienen: wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem verborgen.“

Martin Kippenberger: „Was für ein Universum an Einfällen...“ Horst Janssen „Das bin ja ich!“

Veranstaltungen im Lichtenberg-Jahr in Göttingen

Das sehenswerte Stück „Der größte Zwerg“ von Peter Schanz läuft im Jungen Theater. Dort läuft es auch am 1. Juli um 20 Uhr sowie auch am 26. und 27. Oktober sowie am 9. und 10. November. Karten: 0551/495015, E-Mail: kasse@junges-theater.de

Vom 10. Juni bis 13. August ist „Lichtenberg reloaded!“ im Alten Rathaus zu sehen, eine Hommage von 42 Künstlern mit ihren Werken an den großen Lichtenberg. Di. bis So. 11 bis 17 Uhr, Eintritt: fünf Euro.

Dazu sind an Litfaßsäulen auch Plakate mit Lichtenberg-Aphorismen zu sehen und zu lesen. Im Künstlerhaus stellen Künstler der Region ihre Werke zu Lichtenberg aus. Gotmarstraße 1.

In der Paulinerkirche ist ab 30. Juni die Ausstellung „Lichtenberg Entdeckungen“ zu sehen . Es geht um Lichtenbergs Rolle in der Wissengeschichte des 18. Jahrhunderts. Stadtführungen gibt es ebenfalls zum Thema Lichtenberg in Göttingen. Info/Anmeldung: www.goettingen-tourismus.de

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