Nicht nur Jubel-Worte

40 Jahre Primatenzentrum: Kritischer Diskurs beim Jubiläumsfest zum Thema Tierversuche

40 Jahre Deutsches Primatenzentrum (DPZ) Göttingen: Am Donnerstag wurde gefeiert. Der DPZ-Direktor Prof. Stefan Treue begrüßte etwa 100 geladene Gäste und Mitarbeiter im Hörsaal. Es spielte das Geigenhofquartett mit vier Musikern des Göttinger Symphonie Orchesters. Foto: Jelinek

Göttingen. Das Deutsche Primatenzentrum (DPZ) startete im August 1977. Beim Festakt wurden Entwicklung und Arbeit gewürdigt – aber es ging auch um das Thema Tierversuche.

Denn mit Prof. Stefan Treue hat das DPZ einen Direktor, der die Konfrontation und Diskussion mit Tierversuchsgegnern annimmt – auch vor oder in einer Festrede. Anlass gaben diesmal aktuelle Medienberichte, in denen Gegner sich sogar zur Bezeichnung „Affenqualzentrum“ verstiegen.

Treue scheute also das Thema auch am Donnerstag nicht: Am DPZ wüssten alle Wissenschaftler um die doppelte Verantwortung, eine hochwissenschaftliche Forschung korrekt zu betreiben und den bewussten Umgang mit Primaten. „Wir informieren über unsere Arbeit und die Tierversuche“, sagte Treue. Manche Kritiker hätten persönlich aber nie die Bedingungen vor Ort erlebt. So seien Transparenz und eine sachliche offene Diskussion über Tierversuche üblich im DPZ.

Ein Grundsatz sei, Tierversuche wenn möglich zu ersetzten. „Daran arbeiten wir“, sagte Treue, der zuvor in bescheidenen Worten eine enorme Entwicklung des Primatenzentrums geschildert hatte: von einst 25 Mitarbeitern in vier Abteilungen auf 8000 Quadratmetern Fläche hin zu heute mehr als 400 Mitarbeitern in neun Abteilungen auf 27.000 Quadratmetern.

Festredner: Dr Wilhelm Krull, Generalsekretär der Volkswagenstiftung, sprach zu m Thema: „Grenzen des Fortschritts – Grenzen der Wissenschaft“. Foto: Jelinek

Für Rüdiger Eichel vom Niedersächsischen Wissenschaftsministerium ist diese Entwicklung eine einzige Erfolgsgeschichte. „Das DPZ steht heute in der ersten Reihe der lebenswissenschaftlichen Forschungseinrichtungen in Deutschland und darüberhinaus.“ Eichel betonte, das DPZ habe die Rahmenbedingungen in Göttingen genutzt und sei ein wichtiger Teil am „Göttingen Campus“, dem Netzvon Forschungsinstituten, Unternehmen und Universität. Das böte auch gute Bedingungen für weiterhin öffentliche Förderung, wie Bärbel Brumme-Bothe vom Bundesministerium für Bildung und Forschung andeutete. Beide Redner lobten den Umgang mit Kritikern und Tierversuchgegnern. Der Erfolg des DPZ sei übrigens einer aller Mitarbeiter, inklusive Direktoren und des DPZ-Urgesteins, Geschäftsführer Michael Lankeit.

Von der University of Miami (USA) kam Prof. Ronald Desrosiers zu einem Kurzvortrag. Der war ein Plädoyer für die Entwicklung von Medikamenten, die geholfen haben Krankheiten wie Polio weltweit einzudämmen. Ohne die Versuche mit Primaten gäbe es diese Erfolge nicht, sagte er.

Auch Festredner Dr. Felix Krull betrachtete das Thema Tierversuche: Er plädierte für einen verantwortungsbewussten und stets kritischen Umgang mit Tierversuchen und deren Grenzen. Man müsse den Forschern auch einen Vertrauensvorschuss geben, wenn es darum ginge, noch ergebnisoffene, aber eventuell bahnbrechende Grundlagenforschungen zu betreiben und einzuschätzen, ob dazu nichtmenschliche Primaten benötigt werden.

Hintergrund

Das Deutsche Primatenzentrum (DPZ), Leibniz-Institut für Primatenforschung, wurde im August 1977 in Göttingen gegründet. Um die Ansiedlung gab es Diskussionen, andere Kommunen hatten diese sogar abgelehnt. Das DPZ ist heute Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft und wird vom Bund und von den Ländern grundfinanziert. Zusätzlich werden etwa. 40 Prozent des etwa 15 Millionen Euro umfassenden Etats von den Wissenschaftlern des Hauses von Forschungsförderungs-Organisationen eingeworben. Auch wird Geld über Lizenzen erlöst. Die Forschungsschwerpunkte sind Neurowissenschaften, Infektionsforschung und Primatenbiologie. DPZ-Forschungsstationen gibt es im Senegal, auf Madagaskar, in Thailand und Peru. Das DPZ ist eng in den Forschungsstandort am Campus Göttingen eingebunden. So sind auch Abteilungsleiter gleichzeitig Professoren der Uni Göttingen oder der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Die anfänglich Protestaktionen gegen Tierhaltung und -versuche in Göttingen gibt es kaum noch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.