Suche nach „neuer“ Waldbewirtschaftung

Forstwirt Gerald Klamer geht 5500 Kilometer zu Fuß durch die Wälder

Ist vom Göttinger Stadtwald beeindruckt: Wanderer und Forstwirt Gerald Klamer mit der Göttinger Försterin Lena Dzeia.
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Ist vom Göttinger Stadtwald beeindruckt: der Wanderer und Forstwirt Gerald Klamer mit der Göttinger Försterin Lena Dzeia.

Gerald Klamer war Forstbeamter. Er kündigte und widmet sich seiner Leidenschaft Wald - geht tausende Kilometer und inspizierte dabei den Göttinger Stadtwald.

„Der Wald in Deutschland leidet, aber er stirbt nicht.“ So fasst der studierte Forstwirt Gerald Klamer aus dem südhessischen Dietzenbach seine Eindrücke der vergangenen Monate zusammen. Seit Februar erkundet der 54-Jährige zu Fuß die deutschen Wälder. Am 8. November will er seine 5500 Kilometer lange Tour in Marburg beenden.

„300 000 Hektar Wald, fast ausschließlich Fichtenbestände, sind seit 2018 Dürre und Borkenkäfer zum Opfer gefallen – das entspricht fast der Fläche der niedersächsischen Landesforsten“, berichtet Klamer bei einem Zwischenstopp im Göttinger Stadtwald.

Während der Dürremonate hätten die flachwurzelnden Fichten, die eigentlich im Norden und in Gebirgsregionen heimisch seien, kaum Harz bilden können. Das benötigten sie aber, um den Borkenkäfer unschädlich zu machen. „Schockierend“ sei der Anblick der abgestorbenen Wälder im Harz gewesen. Ähnlich „katastrophal“ sehe es im Bergischen Land, im Sauerland und im Siegerland aus. Auf drei Millionen Hektar Fläche wachse in Deutschland noch die Fichte. Dort stehe dringend die Umwandlung der Monokulturen in Mischwälder an.

„Die Trockenheit macht auch der Buche zu schaffen, obwohl sie der für Deutschland standorttypische Baum ist“, sagt Klamer. Am besten sähen die Bestände aus, die nicht ausgelichtet worden seien. Die Buche brauche Schatten. Der Forstwirt rät, nur die Hälfte des nachwachsenden Holzes einzuschlagen. So mache das der Göttinger Stadtwald seit 1995. Seit einiger Zeit werde dort sogar nur noch ein Drittel des Holzes geerntet.

„Fatal wirken sich in Dürrezeiten die Rückegassen aus, die die meisten Wälder in Deutschland in Abständen von 20 Metern durchziehen“, sagt Klamer. Auf den gut vier Meter breiten Gassen seien die Harvester und Rückezüge der Baumfäller unterwegs. In den für die Bundesrepublik typischen Mittelgebirgen wirkten die Gassen, die im Gegensatz zum umliegenden Wald kaum Wasser halten könnten, wie Entwässerungsgräben. Das Regenwasser ströme ungebremst ins Tal und erhöhe dort die Hochwassergefahr. Ein Gassenabstand von 40 Metern, wie im Göttinger Stadtwald, empfehle sich.

Hoffnung setzt der Forstwirt auf die Traubeneiche. „Sie gedeiht selbst an den trockenen und steilen Schieferhängen des Rheintals prächtig“, hat der Wanderer auf seiner Tour beobachtet. Mit der Art, wie in Deutschland der Wald bewirtschaftet wird, ist Klamer seit Jahren unzufrieden. „Ich konnte am Ende abends nicht mehr in den Spiegel schauen“, bekennt der ehemalige Frostbeamte, der nach 25 Dienstjahren gekündigt hat.

Auf seiner Wanderung sucht er nach neuen Wegen. Mehr als 60 Stationen läuft er an, spricht mit Fachleuten, so der Göttinger Stadtförsterin Lena Dzeia. Geschlafen wird im Wald unter freiem Himmel. Über seine Erkenntnisse berichtet er täglich auf seinem Blog („Waldbegeisterung“) sowie auf Facebook und Instagram. Im kommenden September soll ein Buch über die Wanderung im Malik-Verlag erscheinen. Klamer setzt seine Tour über den Bramwald, den Reinhardswald und den Edersee fort. (Michael Caspar)

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