Prodiumsdiskussion

68er-Bewegung: Als der Bundeskanzler einen Bürgerkrieg in Göttingen erfand

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Radikalisierung: Demonstration auf dem Göttinger Albaniplatz 1968.

Zeitzeugen reflektierten bei einer Podiumsdiskussion in der Paulinerkirche Aktionen der Studentenbewegung, die Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger gar zur Aussage verleiteten, in Göttingen sei der Bürgerkrieg ausgebrochen.

Dabei blieb es in der Uni-Stadt lange Zeit vergleichsweise ruhig. 1968 herrschte in Göttingen Bürgerkrieg. Das verkündete voller Pathos Bundeskanzler Kiesinger, als Bundespräsident Heinrich Lübke bei einem Besuch mit Farbbeuteln beworfen wurde und erstmals Polizei und Studierende aneinandergerieten.

Streitlustige Diskussion

Etwa 80 Zuschauer hatten sich im Saal der Paulinerkirche eingefunden, um der Diskussion zu folgen, die Dr. Gilbert Heß von der Uni Göttingen leitete. Als Zeitzeugen waren zudem die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Juliane Jacobi, der Theologe Prof. Dr. Bernhard Dressler, der ehemalige Göttinger Landtagsabgeordnete Dr. Harald Noack, der frühere Braunschweiger Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann und – für die wissenschaftliche Einordnung – die Göttinger Historikerin Prof. Dr. Petra Terhoeven dabei.

Podiumsdiskussion in der Paulinerkirche: (von links) Dr. Gilbert Heß, Dr. Gert Hoffmann, Prof. em. Dr. Bernhard Dressler, Prof. em. Dr. Juliane Jacobi, Prof. Dr. Petra Terhoeven, Dr. Harald Noack und Uni-Vizepräsidentin Prof. Dr. Andrea Bührmann. 

Damit saßen ehemalige Mitglieder der APO (außerparlamentarischen Opposition) mit damaligen Mitgliedern gemäßigter Hochschulgruppen ebenso wie rechter Strömungen zusammen und schilderten durchaus streitlustig ihre Sicht auf die Ereignisse.

Es wurde deutlich, dass es „die 68er“ nie gab. Die Göttinger Studierendenschaft jener Jahre war ebenso wie anderswo äußerst heterogen. Die Studierenden diskutierten ihre Streitigkeiten über politische und wissenschaftliche Fragen lange Zeit vor allem aus, statt sie auf die Straßen zu tragen, wie Noack betonte.

Radikalisierung

Vieles sei im Nachhinein zum „Generationenerlebnis“ stilisiert worden, befand Terhoeven. Lange agierten die Göttinger Studierenden sogar Seite an Seite mit ihren Professoren, etwa, als die Stadt den Reitstall in der Weender Straße abreißen ließ.

Das bedeutete nicht, dass es in Göttingen immer harmonisch ablief: Beim Besuch von Studentenführer Rudi Dutschke kam es zu massiven Störungen durch rechte Gruppierungen an der Uni. Als Studenten im Frühjahr 1968 ein Flugblatt veröffentlichten, das sich gegen die Autoritäten richtete und in dem zu Vergewaltigungen aufgerufen wurde, und als in der studentischen Zeitung „Politicon“ die Verstrickung der Universität in die NS-Zeit aufgedeckt wurde, radikalisierte sich die Bewegung innerhalb weniger Wochen.

Prägend für die Generation

Darauf wiesen einzelne Zuschauer hin. Tatsächlich hätten viele Studierende 1968 politische Überzeugungen wie eine Religion behandelt und hätten somit eine Radikalisierung begünstigt, bemerkte Dressler. So herrschte auch Uneinigkeit im Plenum, inwieweit die 68er-Bewegung und der spätere Terror der RAF zusammenhängen.

Einig waren sich die Diskutierenden, egal, welche politischen Überzeugungen sie vor 50 Jahren vertreten hatten, dass 1968 sie und ihre Generation geprägt hat. Man habe sich als Student frei und wichtig gefühlt, sagte Hoffmann. Jacobi erzählte, sie und andere hätten damals zum ersten Mal gespürt, dass sie etwas bewegen könnten. Ein Gefühl, ergänzte sie, dass nicht jeder Generation vergönnt sei. 

Von Tammo Kohlwes

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