70 Jahre Filmatelier

Als Göttingen mehr als ein Jahrzehnt das "Hollywood an der Leine" war

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Göttinger Kult-Film: Original-Plakat „Natürlich die Autofahrer“ mit Heinz Erhardt“.

Göttingen. Vor 70 Jahren gründeten Hans Abich und Rolf Thiele das Göttinger Filmatelier in einer heutigen Sartorius-Halle im Industriegebiet. Wir blicken darauf zurück. 

Hans Abich und Rolf Thiele wollten zusammen „Fülme“ machen, wie Thiele das aussprach. Letztlich machten die Münchner Filmfans und Studenten Göttingen in den 50er-Jahren für eine Dekade zu der deutschen Filmstadt. Ihr hehres Ziel ist es laut kurz nach Kriegsende verfasstem Konzept, den „anderen deutschen Film zu machen, orientiert an der Wahrheit, den wahrhaften Menschen“. Dass neben den anspruchsvollen Filmen wie „Hunde, wollt Ihr ewig leben?“ am Ende, 1961, unter den knapp 100 gedrehten Spielfilmen auch viele Unterhaltungsklamotten – so mit Heinz Erhardt – sind, gehört zur Historie, aber auch zum Erfolg des Filmproduktionsstandorts Göttingen. Von dessen Existenz wissen heute nicht mehr viele Göttinger, es sei denn sie sind älter oder Cineasten. In der Stadt jedenfalls ist davon 2018 nur noch wenig sicht- und spürbar.

Erinnerungen wachgeküsst

Manchmal aber wird die Erinnerung wachgeküsst, so wie jüngst, als Maria Furtwängler strafversetzt (!) nach Göttingen als Tatort-Kommissarin Lindholm dort ermittelt, das Filmteam in der Stadt dreht und zum Gesprächsthema wird. Nichts gegen Furtwängler, aber im Vergleich zu den Stars des Deutschen Films, die sich von 1948 bis 1961 im Filmatelier und den Restaurants der Stadt zeigten, ist sie nur ein Sternchen.

Schöne Frauen und Männer

Schöne Männer wie Curd Jürgens, Dietmar Schönherr, Peter Kraus, Heinz Drache, Joachim Fuchsberger und Dieter Borsche; schöne Frauen wie Ruth Leuwerik, Lilo Pulver, Nadja Tiller, Hildegard Knef und Maria Schell; Idole wie Willi Birgel, Gunter Philipp, Curt Goetz, Walter Giller und Theo Lingen – sie alle wohnen damals in Göttingen, auch im Gästehaus des Filmateliers, sind in der Stadt zu sehen. Im „Hollywood an der Leine“ ist man sich oft nah, auch weil viele Göttinger zu Akteuren vor der Kamera werden. Da trifft die Blumenfrau Elisabeth Preissler am Stand in der Goetheallee auf den berühmten wie freundlichen Kunden Peter Weck – und ist hingerissen.

Gut und schlecht bezahlte Komparsen

Viele Göttinger werden zu Statisten und Komparsen: Der Koch Klaus Sperlich muss im Film einen Hang hinauflaufen, um Dieter Borsche umzubringen. In einer anderen Sekundenszene mimt er einen Koch. Manch‘ Schülern und Studenten, wie dem späteren dramaturgischen Leiter am Deutschen Theater, Norbert Baensch, geht es gut in diesen Jahren, dank des ordentlichen Zubrots. Und gelegentlich werden Baensch und Co. auch zu Stars für einen Moment: Wenn sie ihre Unterschriften auf Zettel kritzeln – Autogramme schreiben.

5 Tage Arbeit – 250 Mark

Gebraucht werden auch die ganz jungen Darsteller: Norbert Zeuner dreht als fünfjähriger Knirps „Baptiste“ zusammen mit Dieter Borsche, Maria Schell und Lil Dagover den Film „Es kommt ein Tag“ nach der Novelle „Korporal Mombour“. Es geht um die deutsch-französische Versöhnung. Klein Zeuner macht an fünf Drehtagen 250 Mark. Mama Friedel verdient in ihrem Job als Sekretärin 220 Mark – im Monat.

Drehorte in Nordhessen

Von der Filmstadt Göttingen profitiert die Region, länderübergreifend. Außenaufnahmen werden auch in Einbeck, Kassel, Schloss Berlepsch und Bad Sooden-Allendorf gedreht, wo besagter Norbert Zeuner vor der Kamera steht. Göttinger Filme – von klamaukig bis höchst wertvoll – waren Flopps an der Kinokasse, von der Kritik hochgelobte Streifen, aber auch Kassenschlager, heute Blockbuster genannt. Schon früh regnete es dank der anspruchsvollen Themen Auszeichnungen: Für „Nachtwache“, der auch beim Publikum 1949 ein Renner war, gibt es zwei Bambis – aber es sollten nicht die einzigen bleiben.

Stalingrad in Göttingen

Preisgekrönt werden auch die zum Teil sensationellen Kulissen: 1959 wird mit immensem Aufwand – Computer-Animationen gab es noch lange nicht – der zerstörte Rote Platz von Stalingrad für den Film „Hunde, wollt Ihr ewig leben?“ nachgebaut.

Wie beim jüngsten Tatort-Dreh mit Furtwängler sind in den knapp 100 Spielfilmen aber auch Original-Häuser und -Plätze zu sehen. So die Kreuzung Weender Tor, wo Heinz Erhardt in „Natürlich die Autofahrer“ den Verkehr regelt.

Eine Statue des Komikers Erhardt steht als kleines Monument auch 2018 am Rande der Kreuzung. Es ist eines der wenigen Zeugnisse an die Zeit, als Göttingen auch „Hollywood an der Leine“ hieß.

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