71-Jährige nimmt Todkranke auf ihrem letzten Wegstück an die Hand

+
Beim Neujahrsempfang in Bovenden: Anne Riemann (rechts) präsentierte gemeinsam mit Jutta Stubbe ihre Arbeit für das Göttinger Hospiz an der Lutter.

Göttingen. Die 71-Jährige Anne Riemann hat die Betreuung von sterbenden Menschen im Göttinger Hospiz an der Lutter übernommen. Seit sechs Jahren gehört sie zum Team der Ehrenamtlichen.

Liebevolle helfende Hände habe sie ihr ganzes Leben lang genossen, sagt die warmherzige Frau aus Reyershausen. Ein Teil von dem, was sie genossen hat, gibt sie jetzt zurück.

Aus Zuneigung zu den Menschen wolle sie helfen, erzählt die ehemalige Leiterin des Kindergartens in Billingshausen. Durch das steigende Alter, das die Menschen erreichten, habe die Hospizarbeit zugenommen. Oft hätten die Angehörigen nicht genug Zeit, sich ausreichend um ihre Liebsten zu kümmern; die meisten Menschen müssten arbeiten gehen.

Die Pflege des todkranken Menschen übernimmt eine hauptamtliche Hospizkraft, für Gesellschaft und kleine Hilfen im Alltag sorgen die Ehrenamtlichen regelmäßig in Absprache mit dem Kranken und den Angehörigen. Auch Riemann gibt etwas von ihrer Zeit ab - beim Vorlesen oder spazieren gehen, für Erinnerungen an frühere Zeiten und vielleicht, um einen letzten Wunsch zu erfüllen. Gerührt erzählt sie von einem Todkranken, der sich wünschte, noch einmal ein Pferd zu streicheln. Dank einer Helferin aus dem Team sei der Wunsch im Hospizgarten wahr geworden.

„Bisher hat die Chemie gut gestimmt. Wir sind immer gut miteinander ausgekommen“, spricht Riemann von denen, die ihr anvertraut wurden. „Wir erzählen so viel, wir lachen miteinander.“ Die tatkräftige Frau ist froh darüber, dass sie helfen kann und begleitet Kranke auch bei den allerletzten Schritten. „Viele Menschen wollen nicht alleine sterben.“

Riemann zitiert die Theologin und frühere Landesbischöfin Margot Käßmann: „An der Hand, nicht durch die Hand eines Menschen“ sollten sie die letzten Schritte gehen dürfen. Mit Hospizbegleitung können sie zu Hause sterben. Für Menschen, für die das nicht möglich ist, bietet das stationäre Hospiz sieben Plätze. Es soll ins Krankenhaus Neu-Mariahilf umsiedeln, auch die Bettenzahl soll größer werden.

Riemann will den todkranken Menschen gerne weiter ihre letzte Zeit erleichtern. „Aus jeder Begleitung bin ich bislang reicher herausgekommen“, sagt sie. Und auch sie möchte ihre letzte Ruhe an der Hand eines anderen Menschen finden.

Damit die ehrenamtlichen Sterbebegleiter nicht allein bleiben mit dem, was sie erleben, wird einmal im Monat Supervision angeboten, dazu kommt ein Gruppenabend.

Theaterabend

Ein gemeinsamer Theaterbesuch steht demnächst auf dem Plan. „Bertha, stirb endlich“, heißt eine Inszenierung vom Theater der Erfahrungen aus Berlin mit ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeitern des Hospiz Schöneberg-Steglitz. Das Stück ist am Mittwoch, 2. März, um 19 Uhr im Jungen Theater in Göttingen zu sehen.

Hintergrund: Mehr als 60 ehrenamtliche Helfer

Mehr als 60 ehrenamtliche Helfer kümmern sich um todkranke Menschen, die vom Hospiz an der Lutter begleitet werden.

Wer so helfen will, muss eine Ausbildung durchlaufen. Dabei werden die Freiwilligen auf ihre neuen Aufgaben vorbereitet - von der Betreuung über Entlastung und Beratung. Die Schulungen umfassen 100 Stunden, die über neun Monate verteilt abends und an Wochenenden angeboten werden. So kann die Ausbildung berufsbegleitend laufen. Den Kostenbeitrag von 100 Euro erhalten die Absolventen zurück, die innerhalb eines Jahres danach eine Sterbebegleitung für das Hospiz übernehmen. Weitere Informationen gibt es dort unter der Rufnummer 0551/3834411,  www.hospiz-goettingen.de.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.