Literaturherbst mit Zschokke und Halter: Abend der speziellen Schweizer

Besonderes Duo: Der Schweizer Lyriker und Rapper Jürg Halter und Geigerin Malwina, die die Verse Halters musikalisch begleitete. Foto: Kopietz

Göttingen. Schweizer sind manchmal schon spezielle Menschen. Zwei Vertreter dieser Art, Matthias Zschokke und Jürg Halter, trafen sich und viele Zuschauer und die Moderatorin Jennifer Sprodowsky beim Literaturherbst im Alten Rathaus. Beide stammen aus Bern. Berner sind speziell, und sie sprechen auch speziell.

Nun gut, Matthias Zschokke ist emigriert, lebt in Berlin. Ein halbes Jahr lebte er in Venedig. Darüber hat er ein Buch geschrieben mit dem Titel „Die strengen Frauen von Rosa Salva“, der nicht viel über den Inhalt verrät.

Eigentlich will Zschokke in Venedig ein Buch schreiben. Doch er erleidet eine Schreibblockade, oder besser, er erliegt den überbordenden Reizen der Stadt. „Ich musste immer wieder raus, in die Stadt.“ Am Schreibtisch der kostenlos vom Deutschen Studienzentrum bereitgestellten Wohnung – in einem Palazzo am Canal Grande, unweit von Rialto – war er nicht zu halten.

Aber der leise sprechende Zschokke schreibt trotzdem: E-Mails an Freunde, den Verleger, deren Mitarbeiter. Er diskutiert über Literatur, die Fußball-EM 2012, beschreibt prägnant und oft mit feinem Humor szenisch seinen Alltag, seine Gedanken und Gefühle in der Stadt, die schnell zu „seiner“ Stadt wird.

Jene gesammelte E-Mail-Korrespondenz ist das Werk „Die strengen Frauen von Rosa Salva“. Zschokke schwärmt von Venedig, dieser Stadt, „die mit ihrer Schönheit die Augen müde macht“. Entstanden ist das Buch auch aus Verlegenheit: Über Venedig sei Literatur in allen Schattierungen entstanden. Er habe nicht gewusst, was er da noch hinzufügen solle. Seine Mails wertet er bescheiden als eine andere stilistische Form für ein Buch.

Bedächtiger Vorleser: Matthias Zschokke erzählte im Alten Rathaus beim Literaturherbst aus seinem Buch „Die strengen Frauen von Rosa Salva“. Foto: Kopietz

Da hat der bescheidene Berner Recht. Nicht sicher aber ist, ob das im Göttinger Wallstein-Verlag verlegte Buch allen Lesern gefallen wird. Dennoch: Die Erzählform hat etwas. Und wer Venedig kennt, der weiß: Sie passt zu dieser Stadt, wo alles Schöne und manches Unschöne längst beschrieben ist. Eine Liebeserklärung ist das Buch allemal.

„Rosa Salva“ übrigens ist ein wunderbares Lokal, wo es verlockende Süßigkeiten gibt und manchmal Toilettentüren, die klemmen. Das schreibt Zschokke nicht – zugezogene Venezianerinnen aber haben es erlebt.

Der leider etwas emotionsarmen Lesung Zschokkes folgt ein spannender Auftritt des Jung-Lyrikers Jürg Halter. Der denkt anders, spricht anders, reimt anders. Halter ist eben speziell – und ein bekannter Rapper obendrauf. So betont er das letzte Wort in einer Zeile singsang-artig. Das Geigenspiel von Malwina Sosnowski ist eine kongeniale Ergänzung. Sein Buch heißt: „Wir fürchten das Ende der Musik.“

Prima, dass Gesa Husemann diese Berner-Kombination zusammen auf die Bühne brachte und so einen ganz speziellen Literaturherbst-Abend möglich machte.

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