"Ein selbsterlebter Krimi"

Abenteurer, Survival-Experte, Menschenrechtler: Rüdiger Nehberg im Interview

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Im Urwald: Rüdiger Nehberg zusammen mit einem Waiãpi-Indianer im Urwald Brasiliens. Nehberg setzt sich seit 40 Jahren für die Belange von Indianern in Südamerika ein. Foto:  Rüdiger Nehberg

Göttingen. Der Abenteurer, Überlebenskünstler und Naturschützer Rüdiger Nehberg kommt zum Göttinger Fernwehfestival, das am Samstag und Sonntag in Göttingen stattfindet.

Rüdiger Nehberg tritt am Samstag, 20. Januar, ab 20 mit seinem Vortrag "Lagergeschichten" auf.

Was würden Sie den Besuchern des Fernweh-Festivals gerne vermitteln?

Rüdiger Nehberg: Man kann aus seinem Leben viel mehr machen, als man sich normalerweise zutraut. Aber auch sich nicht gleich in die vollen Gefahren stürzen, sondern anfangen mit Vorinformation, mit Trainings, mit Vorbereitung. Ob es nun in den Dschungel gehen soll, in die Wüste oder über den Ozean. Und ich möchte den Besuchern vermitteln: Niemand ist zu gering, die Welt zu verändern.

Dies habe ich erfahren, denn meine früheren Reisen waren ja nur von Neugier und Abenteuerlust geprägt. Bis ich dann irgendwann auf das Thema Survival stieß und dann auch in der Lage war auch ins Abseits der Erde zu gelangen. In die tiefen Urwälder Brasiliens. Und dort Zeuge eines drohenden Völkermordes an den Yanomami-Indianern wurde. Das hat mein Leben sehr verändert und mein Abenteuer bekam auf einmal Sinn.

Welchen Reiz macht Ihre Arbeit aus?

Nehberg: Ich merkte plötzlich, mein Leben kriegt eine ganz andere Spannung. Meine Adrenalinquellen sprudeln nur so. Ich habe manchmal das Gefühl, mehr aus meinem einem Leben gemacht zu haben. Drei oder vier Leben. Das macht den Reiz aus. Dass ich sagen kann, ich habe nicht einfach so dahin gelebt, sondern meinen Beitrag geleistet, die Erde ein bisschen besser zu machen.

Atlantiküberquerung: Mit dem Boot „The Tree“ ging es über den Ozean. Foto:  Rüdiger Nehberg

Sie sind vor fast 40 Jahren auf die Yanomami gestoßen. Wie würden Sie die Situation heute Einschätzen?

Nehberg: Im Jahr 2000 war der internationale Druck ausreichend, sie erhielten einen akzeptablen Frieden. Das Grundgesetz wurde befolgt, die Goldgräber rausgehungert, indem man den Nachschub abriegelte. Aber jetzt gibt es in Brasilien einen neuen Staatspräsidenten, der hat die Goldsucherei wieder freigegeben. Auch Holzfirmen können wieder in die Urwälder einmarschieren. Dass wurde zwar vorübergehend zurückgenommen, aber die Gefahr für die Yanomami ist latent.

Auch sie werden lernen müssen, dass die Welt sich ständig verändert. Und dass sie Anschluss suchen müssen an diese andere Welt. Etwa Rechnen und Schreiben lernen, sich politisch organisieren. Aber das ist schwer, die Yanomami haben zu meiner Zeit noch in der Steinzeit gelebt, hatten kein Metall zum Beispiel. Alles was sie benötigten, lieferte ihnen der Wald.

Welches Erlebnis ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Nehberg: Zusammen mit Annette, meiner Frau, haben wir bei einem anderen Volk eine Krankenstation errichtet. Zum Dank dafür haben mir die Indianer einen Bogen geschenkt. Der Bogen ist aus einem Holz wie Stahl. Er vertrocknet nie. 

Das Material ist sehr schwer zu bearbeiten. Da sitzen alte Männer mit den Oberkiefern von Wildschweinen, den Pekaris, und hobeln damit Spänlein um Spänlein ab. Der Bogen verjüngt sich nach außen hin und ist absolut symmetrisch. Er sieht aus wie aus maschinell gefertigt. Da spielt Zeit noch keine Rolle. Es gibt auch keinen Müll. Die Yanomami kennen nicht unseren Glauben an Fortschritt, die Sucht nach Luxus.

Ist das auch ein Beitrag zur Völkerverständigung?

Nehberg: Ist es auch. Gerade in der Einsamkeit kommt man anders an die Seele der Menschen ran. Davon möchte ich beim Vortrag ein wenig vermitteln.

Der Besucher soll aber auch nicht denken, es geht nur um Dramen. Mein Vortrag ist ein selbsterlebter Krimi mit unglaublich vielen humorvollen Passagen und Selbstironie. Der Vortrag ist auch für Jugendliche ab zwölf Jahren durchaus geeignet. Es geht ja um das Thema Survival, wie fange ich etwa Wildschweine mit der Hand. Verrückt und spannend.

Rüdiger Nehberg

Zur Person: 

Rüdiger Nehberg (82) wurde in Bielefeld geboren. Bereits seit seiner Jugend unternimmt Nehberg Reisen und Expiditionen. Seit 1980 setzt sich der Survival-Experte für die Rechte der Yanomami-Indianer in Südamerika ein. Daneben setzt er sich zusammen mit seiner Frau Annette gegen weibliche Gentalverstümmelung ein.

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