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Verwicklung in Transplantationsskandal: Früherer UMG-Chefarzt verliert Pension

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Von: Heidi Niemann

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Die Universitätsmedizin Göttingen aus der Luft.
Die Universitätsmedizin Göttingen rückte 2011 in den Fokus der Öffentlichkeit. Laborwerte von Patienten sollen manipuliert worden sein, um deren Chancen ein Spenderorgans zu erhöhen. (Archivbild) © Michael Mehle/UMG

Ein früherer Chefarzt der Göttinger Universitätsmedizin (UMG) verliert wegen seiner Verwicklung in den Transplantationsskandal sein Ruhegehalt.

Göttingen – Das hat das Verwaltungsgericht Göttingen entschieden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der frühere Leiter der Abteilung für Gastroenterologie und Endokrinologie dafür verantwortlich war, dass in den Jahren 2009 bis 2011 in mindestens elf Fällen Laborwerte von Patienten manipuliert wurden, um deren Chancen auf die Zuteilung eines Spenderorgans zu erhöhen.

Außerdem habe er 2006 von der Familie eines Leberpatienten 30.000 Euro ohne Erstellung einer Rechnung gefordert. Er habe diesen ohne Berechtigung vereinnahmten Betrag verschwiegen und erst zwei Jahre später auf schriftlichen Vorhalt abgeführt. Damit habe er die ihm obliegenden Dienstpflichten in so schwerwiegender Weise verletzt, dass ein endgültiger Vertrauensverlust eingetreten sei, der eine Aberkennung des Ruhegehalts gebiete (Aktenzeichen 5 A 6/18).

Das Verwaltungsgericht stützte sich bei der Urteilsfindung unter anderem auf die Feststellungen, die das Landgericht Göttingen im Mai 2015 in seinem Urteil gegen den früheren Leiter der Göttinger Transplantationschirurgie getroffen hatte. Die Staatsanwaltschaft hatte den Chirurgen wegen versuchten Totschlags angeklagt, weil dieser durch Manipulationen und falsche Angaben dafür gesorgt habe, dass eigene Patienten bei der Vergabe von Spenderlebern bevorzugt wurden.

Damit habe er billigend in Kauf genommen, dass andere Patienten auf der Warteliste nach hinten rutschen und sterben könnten. Das Landgericht hatte den Chirurgen damals freigesprochen, weil dessen Verhalten zwar moralisch verwerflich, zu der Zeit aber nicht strafbar gewesen sei. In dem Prozess hatten mehrere Zeugen ausgesagt, dass auch der Chefarzt derGastroenterologie an den Manipulationen mitgewirkt habe.

Das Verwaltungsgericht hatte in der mündlichen Verhandlung über die Disziplinarklage ebenfalls mehrere Zeugen angehört. Nach Ansicht der Kammer ist dem früheren Chefarzt der Gastroenterologie zwar kein eigenhändiges Handeln nachzuweisen. Dieser habe jedoch unter Ausnutzung des bestehenden Abhängigkeitsverhältnisses Mitarbeiter dazu gedrängt, die Manipulationen für ihn vorzunehmen.

Damit habe der Professor, der sehr autoritär agiert und keinerlei Widerspruch geduldet habe, seine Führungsposition missbraucht. Der Chefarzt ist seit März 2020 wegen Erreichens der gesetzlichen Altersgrenze im Ruhestand.

Die UMG hatte ihm damals nach Bekanntwerden des Transplantationsskandals die Führung der Dienstgeschäfte verboten und ihm ein Hausverbot erteilt. Später leitete sie ein Disziplinarverfahren ein. Dieses wurde dann zunächst ausgesetzt, da auch die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet hatte.

Nachdem der angeklagte Chirurg in seinem Strafprozess einen Freispruch erzielt hatte, wurde auch das Strafverfahren gegen den Chefarzt eingestellt. Dafür wurde das Disziplinarverfahren wieder aufgenommen.

Das Landgericht hatte in seinem Urteil festgestellt, dass in dessen Abteilung Gerinnungswerte von Patienten gefälscht worden waren. Nach Ansicht des Verwaltungsgerichts sind diese Manipulationen dem Chefarzt zuzurechnen. Er sei derjenige gewesen, der bei den in seiner Abteilung evaluierten Patienten darüber befand, ob eine Transplantation aus hepatologischer Sicht vorgenommen werden sollte.

Es sei allgemein bekannt gewesen, dass er den sogenannten Meld-Score, der als Maßstabfür die Dringlichkeit einer Lebertransplantation herangezogen wird, für unzureichend gehalten und geäußert habe, dass Blutwerte „optimiert“ werden müssten, um den Patienten schneller ein Organ verschaffen zu können.

Der Chefarzt herrschte mit Angst und Repression in seiner Abteilung

Laut dem Bericht einer Gutachterkommission hatte unter dem Chefarzt ein Klima der Repression und Angst geherrscht. Das Verwaltungsgericht kam zu einer ähnlichen Einschätzung. Der Umgang sei von einer „herablassenden Überheblichkeit“ geprägt gewesen. Der Chefarzt habe keinen Halt vor offenen Drohungen gemacht und keine Hemmungen gehabt, seinen Mitarbeitern rechtswidrige Handlungen abzuverlangen.

Er habe sie gedrängt, die Manipulationen für ihn wahrzunehmen, und sie damit zu Mitwissern und Mitwirkenden gemacht und korrumpiert. Die Kammer teile auch die Einschätzung der UMG, dass das vorsätzliche Erschleichen von unberechtigten Organzuweisungen die Grundlagen des ärztlichen Berufs erschüttere. Dies gelte erst recht, wenn das seinerzeit zwar nicht strafbare, jedoch zumindest moralisch verwerfliche Vorgehen von einem zusätzlich vorliegenden Geltungsdrang geprägt sei.

Der Chefarzt selbst hat jegliche Beteiligung an den Manipulationen abgestritten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Er kann innerhalb eines Monats dagegen Berufung beim Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht Lüneburg einlegen. (Heidi Niemann)

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