Interview mit Klaus-Dieter Gläser

Agenturchef kennt Sorgen kleiner Betriebe: „Oft keine größeren Reserven“

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Die Arbeitsagentur an der Bahnhofsallee in Göttingen: Hier werden die Anträge auf Kurzarbeit bearbeitet.

Tausende Arbeitgeber wenden sich während der Corona-Krise an die Agentur für Arbeit, um dort Kurzarbeit anzuzeigen. Wir sprachen mit Klaus-Dieter Gläser, dem Chef der Agentur in der Uni-Stadt, die für die Landkreise Göttingen und Northeim zuständig ist.

Wie ist die Stimmung unter den Arbeitgebern in den Landkreisen Göttingen und Northeim?

Die Stimmung ist angespannt und abwartend. Auf die Lockerung durch die Politik in dieser Woche haben viele Unternehmen gewartet, damit es eine Perspektive gibt, wie es weitergeht. Bei vielen Arbeitgebern spüre ich eine Unsicherheit. Das geht bis hin zu Existenzängsten - insbesondere bei kleinen und bei Kleinst-Betrieben.

Was sind die größten Sorgen, die die Arbeitgeber umtreiben?

Die größte Sorge ist, dass jetzt kurzfristig das Geld ausgeht. Insbesondere Kleinbetriebe haben oft keine größeren Reserven. Zu den Sorgenkindern bei uns gehören unter anderem die Gastronomie und die Hotellerie. Größere Betriebe, zum Beispiel im verarbeitenden Gewerbe, können oft auf vorhandene Rücklagen zurückgreifen.

Wie schnell müssen die Kontaktbeschränkungen gelockert werden, damit der Arbeitsmarkt in Südniedersachsen keinen dauerhaften Schaden nimmt?

Als Vertreter der Arbeitsagentur, die der Neutralität verpflichtet ist, kann ich zu dieser politischen Frage keine Aussagen treffen. Das müssen die Landesregierung und die lokalen Politiker entscheiden. Das ist nicht einfach.

Wie kann die Arbeitsagentur den Arbeitgebern konkret helfen?

Das machen wir ganz praktisch. Wir sind unter anderem Ansprechpartner in Sachen Kurzarbeit. Viele Unternehmen haben noch nie Kurzarbeit angezeigt. Entsprechend länger dauert deshalb die Beratung. Vielen Betrieben hilft es, dass schon Kurzarbeit angezeigt werden kann, wenn zehn Prozent der Arbeit wegfällt.

Wie ist die Arbeitsagentur mit Blick auf das Thema Kurzarbeit aufgestellt?

Wir haben das Personal im Bereich Kurzarbeit massiv aufgestockt. 170 Mitarbeiter bearbeiten für die Agenturbezirke Göttingen, Braunschweig und Helmstedt die Anträge. Wir versuchen unser Möglichstes, damit es schnell geht.

Welche Schritte muss so ein Antrag durchlaufen?

Das beginnt mit der Anzeige der Kurzarbeit. Nach einer Prüfung und der Durchsicht, ob die Unterlagen vollständig sind, erfolgt in der Regel die Bewilligung. Nach jedem Monat muss der Arbeitgeber für jeden einzelnen Mitarbeiter nachweisen, ob und in welchem Umfang dieser in Kurzarbeit war.

Was können Arbeitgeber tun, damit die Bewilligung von Kurzarbeit besser läuft?

Wichtig ist, dass die benötigen Unterlagen möglichst vollständig sind. Das ist für Betriebe, die zum ersten Mal Kurzarbeit haben, natürlich schwerer. Wir hatten auch schon Anträge, bei denen die Unterschrift und die Bankverbindung fehlten. Ich rate deshalb, lieber einmal mehr als zu wenig bei uns anzurufen.

Mit wie vielen Arbeitslosen rechnen Sie durch die Corona-Krise?

Das ist ganz schwierig einzuschätzen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Quoten steigen werden. Die ersten Zahlen, die bei uns einlaufen, lassen einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosenzahlen vermuten. Die nächsten offiziellen Zahlen gibt es am 30. April.

Welche Maßnahmen wird es geben, um Menschen, die in der Corona-Krise arbeitslos geworden sind, neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt zu geben?

Wir haben ein ganz breites Portfolio an Qualifizierungsmöglichkeiten und die Möglichkeit, Eingliederungszuschüsse zu gwähren. Das kann voll ausgeschöpft werden. Nicht bei allen, die ihre Beschäftigung verlieren, spielt die Corona-Krise eine Rolle. 

Zur Person: Klaus-Dieter Gläser

Klaus-Dieter Gläser (64) ist seit 2007 Chef der Göttinger Agentur für Arbeit. Er studierte Jura und Betriebswirtschaft. 1990 kam der Diplom-Kaufmann zur damaligen Bundesanstalt für Arbeit.

Klaus-Dieter Gläser ist Chef der Göttinger Agentur für Arbeit.

Nach Stationen im Fachvermittlungsdienst und in der Berufsberatung und in der Regionaldirektion Niedersachsen Bremen wurde er schließlich Chef der Göttinger Agentur, die für die Landkreise Göttingen und Northeim zuständig ist. In seiner Freizeit ist er begeisterter Langstreckenläufer. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und wohnt in Hannover.

Hintergrund: Kurzarbeitergeld hat Priorität

Die Bewältigung der Corona-Krise stellt auch die Arbeitsagentur in Göttingen vor eine Mammutaufgabe. Seit dem 18. März ist die Einrichtung für den Publikumsverkehr geschlossen. Doch es gibt deutlich mehr zu tun.

„Oberste Priorität hat für uns die Bearbeitung des Kurzarbeiter- und Arbeitslosengeldes“, sagt Agenturchef Klaus-Dieter Gläser. „Hier haben wir in den letzten Wochen große Anstrengungen unternommen, um Personal aus anderen Bereichen, wie beispielsweise Vermittlung oder Berufsberatung, für die Bearbeitung von Kurzarbeitergeld zu qualifizieren.“ Das Team, das regulär aus 14 Mitarbeitern besteht und für die Agenturbezirke Göttingen, Braunschweig-Goslar und Helmstedt zuständig ist, wuchs inzwischen auf gut 165 an.

„Kurzarbeit bedeutet für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zwar finanzielle Einbußen, ist aber ein probates Mittel, Entlassungen und somit Arbeitslosigkeit zu verhindern“, sagt Gläser. Im März waren innerhalb von zwei Wochen etwa 2000 Anzeigen auf Kurzarbeit in Göttingen eingegangen – weit mehr als im Jahr 2009 während der Wirtschafts- und Finanzkrise insgesamt.

Auch das Kundenportal der Agentur wird aktuell aus anderen Bereichen unterstützt. Denn die Arbeitsagentur hat für den Publikumsverkehr lokale Rufnummern eingerichtet, da die Service-Nummern anfangs überlastet waren. „Wir bemühen uns, trotz geschlossener Türen für unsere Kundinnen und Kunden da zu sein, auch wenn das derzeit eben nicht persönlich, sondern nur telefonisch oder per E-Mail möglich ist“, sagt Gläser.

Und: Um die vielen anstehenden Aufgaben zu bewältigen, leisten die Mitarbeiter im Bereich Arbeitslosen- und Kurzarbeitergeld sowie in der Familienkasse Überstunden und arbeiten auch am Samstag.

Weitere Informationen gibt es

hier

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VON BERND SCHLEGEL

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