Literaturherbst in Göttingen

Alltag einer Berliner Busfahrerin - Susanne Schmidt liest beim Göttinger Literaturherbst

Ein leerer Stadtbus dient als Kulisse für die Lesung der Berliner Autorin Susanne Schmidt.
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Eine bunte Mischung: In ihrem Buch „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei.“ finden sich die unterschiedlichsten Geschichten aus Susanne Schröders Arbeitsalltag.

„Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei“ - Autorin Susanne Schmidt las am Montagabend Geschichten aus ihrem Leben als ehemalige Busfahrerin in Berlin.

Göttingen – Eine Vorlesung der besonderen Art erlebten am frühen Montagabend die rund 100 Zuhörer am Alten Rathaus. Aus einem am Gänseliesel abgestellten Stadtbus der Göttinger Verkehrsbetriebe heraus las die frühere Busfahrerin Susanne Schmidt im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes Episoden aus ihrem Buch „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei“.

„Eine solche Lesung gibt es wahrlich nicht allzu oft“, meinte Radiomoderator Joachim Dicks, der sich mit der 61-jährigen Berlinerin zunächst über ihre Zeit als Busfahrerin in der Hauptstadt unterhielt. „Vor sieben Jahren gab es einen Aufruf der Berliner Verkehrsbetriebe an ältere Frauen, sich für den Job als Busfahrerin zu bewerben“, erzählte Susanne Schmidt, die bis dahin unter anderem als Erzieherin, Drehbuchautorin, Stadtführerin und Pförtnerin ihr Geld verdient hatte. Weil sie sich durch diesen Aufruf „so richtig gewollt“ fühlte, habe sie den Schritt gewagt – und ihn nie bereut.

Ungewohntes Bild am Göttinger Gänseliesel: Ein leerer Bus der Verkehrsbetriebe diente als Veranstaltungsort für die Lesung der Berliner Autorin und Busfahrerin Susanne Schmidt.

Nachdem sie sich zuhause zunächst gegen den Widerstand ihrer Familie durchgesetzt und dort dann vor dem Spiel „das autoritär sein“ geübt hatte, wurde sie von ihrem neuen Arbeitgeber gleich in einem Doppeldeckerbus auf der Linie M48 eingesetzt – der Buslinie, die durch ganz Westberlin führt.

„Ich weiß nicht, ob meine Chefs sich das so gut überlegt hatten“, meinte Schmidt, die jedoch gleich „überraschend gut“ mit der Herausforderung klargekommen sei. „Die Busstrecke des M48-ers ist mir allerdings sowieso die Liebste, weil sie einen schönen Querschnitt der gesamten Stadtbevölkerung abbildet“, so Schmidt.

Aus dem Alltag einer Busfahrerin: Susanne Schmidt (links) sprach mit Radiomoderator Joachim Dicks über ihre Erlebnisse und las aus ihrem Buch vor.

Und von den Begegnungen mit eben diesen Menschen erzählen ihre teils kuriosen, teils witzigen, teils auch tragischen, immer aber lesens- und hörenswerten Geschichten vom wilden Leben im öffentlichen Nahverkehr.

Da geht es um Menschen, die trotz mehrmaliger Verwarnung ihren Döner oder ihr Eis im Bus weiteraßen und als Konsequenz mit den Worten „der nächste Bus kommt gleich“ von Susanne Schmidt vor die Tür gesetzt wurde. Es geht um eine Motorpanne am ersten Arbeitstag, und Bombendrohungen oder spontane Partys in ihrem Doppeldecker.

„Als Busfahrerin in Berlin erlebt man einfach alles“, meinte die 61-Jährige. Für sie sei es „der schönste Beruf der Welt“, weil man frei, immer unterwegs und „Königin der ganzen Stadt“ ist. (Per Schröter)

Susanne Schmidt: „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei: Eine Berliner Busfahrerin erzählt“, Carl Hanser Verlag, 224 Seiten, 17 Euro.

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