Alte Göttinger Friedhöfe sind noch nicht vergangen

Die Hauptorganisatoren der Ausstellung: Denkmalpflegerin Azemina Bruch (von links), Fotograf Ralf König mit Michael Menzel und Birgit Busse vom Fachdienst Friedhöfe der Stadt Göttingen. Fotos: Dittrich

Göttingen. Über 100 Jahre ist die letzte Beerdigung her, doch Albani- und Bartolomäusfriedhof sind noch präsent: in Familiengeschichten, im Stadtbild.

Und auch der jüdische Friedhof hat die Zeit der Weltkriege überdauert. Den drei alten Göttinger Begräbnisstätten widmet sich eine Ausstellung in der Torhaus-Galerie im Stadtfriedhof.

Geradezu greifbar wird die Stadtgeschichte Göttingens, wenn Besucher miteinander ins Gespräch kommen. Die Grabmäler auf den 1881 geschlossenen Friedhöfen erzählen Geschichten von lange verstorbenen Menschen - aber für die Nachfahren der zweiten und dritten Generation sind sie noch Teil des Familienstammbaums.

Eduard von Hahn und Anna-Matilda Fischer rätseln darüber, ob sich ihre Familien kannten: Carl von Hahn wurde 1797 ermordet, Anna Cramer-Teichmüller verstarb bei der Geburt ihrer zweiten Tochter 1862. Viel weiß Eduard von Hahn von seinem Urururgroßonkel, der auf dem Bartolomäus-Friedhof begraben wurde, nicht. Aber er war reich und vermutlich auch stadtbekannt. Göttingen war damals eine kleine Stadt - wichtige Familiennamen waren geläufig, vermutet auch Fischer. Der Mann von Cramer-Teichmüller war ihr Urgroßonkel.

Ermordet wurde Carl von Hahn mit einem Degen, als er sich in einen Streit zwischen Studenten und Soldaten einmischte. So erklärt es die Inschrift des 2008 restaurierten Denkmals. Seitdem weiß die Familie von Hahn überhaupt erst wieder, wo ihr Onkel begraben wurde. „Wir sind eine Flüchtlingsfamilie. Viele Aufzeichnungen sind damals verloren gegangen“, erklärt der junge von Hahn, der in Göttingen studiert hat. „Wir wussten nur, dass es hier etwas gab.“

Auch Anna-Matilda Fischer erzählt über ihre Familienmitglieder, die auf dem Albanifriedhof bestattet wurden. „Sie stehen gerade vor meiner Urgroßtante“, witzelt sie, als Besucher das Bild der Grabstätte betrachten. Auch für den Mathematiker Carl Friedrich Gauß war der Albanifriedhof 1855 die letzte Ruhestätte.

Teil der Ausstellung ist auch der jüdische Friedhof neben dem heutigen Stadtfriedhof. Dr. Berndt Schaller, ehemaliger Dozent und Theologe an der Uni Göttingen, tat sich aber schwer damit, den Friedhof „historisch“ zu nennen. Denn seit 1990 nutzt die jüdische Gemeinde den Friedhof wieder. Der um 1700 errichtete Friedhof ist das einzige sichtbare Zeugnis der Juden in Göttingen, das die Nazi-Vergangenheit überdauerte.

Öffnungszeiten der Ausstellung „Göttingens historische Friedhöfe als Geschichts- und Kulturdenkmäler“: Freitag bis Sonntag 15 bis 17 Uhr, Torhaus-Galerie auf dem Stadtfriedhof.

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