Sprachlernklassen für Flüchtlinge in Göttinger Schulen

Am Ende steht für die Schüler die Frage: Schaffen sie es?

Reicht die Motivation oder braucht es mehr? Siebtklässler strecken während des Deutschunterrichts in einem Gymnasium ihre Hände nach oben. Archivfoto: Felix Kästle/dpa

Göttingen. Ein Jahr Sprachlernklasse - was bleibt für die Schüler? Wir haben das von Göttinger Schulen gestemmte Projekt am Theodor-Heuss-Gymnasium beobachtet. Ein Fazit.

Mathias Behn sitzt vor einer schwierigen Aufgabe. Am Nachmittag ist Versetzungskonferenz und der Studiendirektor muss die Mitteilungen schreiben an die, die es nicht geschafft haben. Darunter sind vier Sprachlernschüler – Schüler, die als Flüchtlinge ans Theodor-Heuss-Gymnasium (THG) gekommen sind.

Seit Anfang des Schuljahres gibt es in Niedersachsen rund 630 Sprachlernklassen. Nach einem Schuljahr hören die Sonderkonditionen für diese Sprachlernschüler auf, erklärt Behn. Sie müssen dann endgültig in reguläre Klassen. Das Problem: Um mehr zu vermitteln, als die Sprache, reicht ein Jahr nicht.

Das THG hat im November 2015 20 Kinder aus der benachbarten IWF-Flüchtlingsunterkunft aufgenommen. „Die Kollegen haben das damals mit Idealismus gewuppt“, sagt Behn heute. Die Kinder waren im passenden Alter und alphabetisiert. Unter ihnen sind welche, die jahrelang in Flüchtlingsheimen waren und keinen Bildungsstandart für Gymnasien hatten. „Die sind nicht nach unseren Kriterien beschult worden“, sagt Behn. An anderen Gymnasien ist es ähnlich gelaufen.

Sieben von 17 werden das Schuljahr wiederholen – „mit Perspektive“ sagt Behn. Für sie gibt es dann keine Sprachlernklassen mehr. Die Behörde hat nur acht Stunden zusätzlichen Förderunterricht pro Woche bewilligt. Für eine Sprachlernklasse gibt es 30 Stunden. Aber die kommt nicht mehr zustande. „Ein auslaufendes Modell“ sagt Behn.

Für mittags ist ein Gespräch mit den zwei Sprachlehrerinnen und der Kulturdolmetscherin, die die Schule provisorisch für ein paar Stunden eingestellt hat, anberaumt. Zu Fünft sitzen sie im Büro von Mathias Behn, viel Zeit bleibt zwischen den Schulstunden nicht.

Sie besprechen, wie die acht Förderstunden eingeteilt werden, so, dass nicht alle Sprachlernschüler zusammen unterrichtet werden. Sie besprechen, wie sie einem Mädchen helfen können, die ihre schlechten Noten nicht ihrem Vater zeigen kann, und wie sie die neue Regelung den Sprachlernschülern beibringen.

In all diesen Fragen und Sonderbehandlungen sei es schwierig, das richtige Maß zu finden, sagt eine der Lehrerinnen.

Von ihren Klassenkameraden seien die ausländischen Schüler gut aufgenommen worden, sagt Behn. Sie fühlten sich wohl. Aber sie tun sich zusammen, wenn sie zu Zweit in eine Regelklasse kommen. Eine der Sprachlehrerinnen sagt: „Enttäuschungserfahrungen macht jeder.“

„Schüler werden irgendwann müde, wenn sie nicht integriert werden.“ (Mathias Behn, Lehrer)


Kurz nach 14 Uhr, siebte Stunde: Katharina Ballin hält eine der letzten Sprachlernstunden, die es so nach den Sommerferien nicht mehr geben wird. Sieben Schüler, zwei Mädchen tragen Kopftuch. Die Jüngste ist zwölf, die Älteste 17. Frau Ballin schreibt an die Tafel: „Die Präpositionen zu und bei“. Die Schüler reden untereinander, nicht immer auf Deutsch. „Regel Nr. 13“, sagt Katharina Ballin und zeigt auf ein Plakat, das rechts an der Klassenzimmerwand hängt. Dort steht: „Ich spreche deutsch.“ Ganz oben steht: „Ich gehe in die Schule. Ich will etwas lernen.“

Es gibt am THG Schulverweigerer. Es gibt auch zwei Fälle von Dropout: Schüler, die einfach nicht mehr zum Unterricht kommen. Behn hatte sie als „Flüchtlingsjungs mit guten Chancen“ wahrgenommen.

Die Schule tut viel für diese Schüler. Anfangs haben die achten Klassen nachmittags Ballspiele für die neuen Mitschüler organisiert. Aber die seien nicht gekommen. Behn sagt, die Integration dauere länger, als man sich eingestehen will.

So läuft es in der Heinrich-Heine-Hauptschule in Grone

Im vergangenen Schuljahr hatte die Heinrich-Heine-Hauptschule in Göttingen zwei Sprachlernklassen, zukünftig wird es eine mit 18 Stunden geben. „Es kommen immer wieder neue Kinder durch Familiennachzüge“, sagt Schulleiterin Silvia Stockburger-Brunnert. Unter den Sprachlernschülern sind auch Kinder von Eltern, die zum Arbeiten nach Deutschland kommen. Sie waren in ihren Heimatländern oft selten in der Schule und seien nicht an das System Schule gewohnt. Manche stünden unter dem Druck, abgeschoben zu werden. Bis jetzt war das Ziel der Sprachlernklasse möglich, sagt die Leiterin. „Die Kinder müssen aber auch ankommen, man muss ihnen ein Zuhause bieten, ein Netz schaffen, an dem sie andocken können.“ Mit 18 Stunden wird das in Zukunft eine Herausforderung. Die Heinrich-Heine-Schule läuft wie alle Haupt- und Realschulen in Niedersachsen aus. Ab dem nächsten Schuljahr wird es nur noch Jahrgang acht bis zehn geben. (vsa)

Das sind die Bedingungen für eine Sprachlernklasse:

  • mindestens zehn Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache
  • maximal ein Jahr Dauer
  • höchstens 16 Schüler
  • mehrere Jahrgangsstufen umfassend
  • 30 Stunden in der Woche
  • gleichzeitig wenige Stunden in Regelklassen 

Quelle: www.mk.niedersachsen.de


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