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Hänseleien und Befehle: Sechsjährige aus Göttingen darf ihren Namen ändern

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Von: Heidi Niemann

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Ein Mädchen aus Göttingen wurde wegen seines Vornamens, der dem eines Sprach-Assistenten gleicht, gehänselt. Das Kind bekommt jetzt einen Zusatz-Namen.

Update, 11. August: Die Stadtverwaltung Göttingen hat eingelenkt und den zwei Jahre währenden Streit um einen zweiten Vornamen für das Mädchen beendet: Das Kind aus Göttingen, dessen Vorname wie ein bekannter Sprachassistent lautet, darf nachträglich einen weiteren Vornamen erhalten.

Wie ein Sprecher der Göttinger Stadtverwaltung mitteilte, wird die Kommune keinen Antrag auf Zulassung der Berufung gegen ein Urteil des Verwaltungsgerichts Göttingen stellen: Somit wird die Entscheidung demnächst rechtskräftig.

Erstmeldung: Göttingen – Wer Alexa oder Siri heißt, muss heutzutage mit Reaktionen rechnen, die bei der Namensgebung nicht unbedingt vorhersehbar waren: Weil es inzwischen weit verbreitete Sprach-Assistenten gleichen Namens gibt, machen sich manche Mitmenschen einen Spaß daraus, auch realen Personen, die diese Vornamen tragen, Befehle zu erteilen oder Fragen zu stellen.

Das kann für Betroffene auf die Dauer zu einer seelischen Belastung führen. Wer unter solchen Belästigungen leidet, hat deshalb einen Anspruch darauf, den Vornamen ändern zu lassen. Das hat jetzt das Verwaltungsgericht Göttingen entschieden (Aktenzeichen 4 A 79/21).

Namensänderung für Siris und Alexas: Namensgleichheit mit Sprach-Assistenten führt zu seelischer Belastung

Die Richter gaben damit der Klage eines jungen Mädchens statt, das in dem Verfahren von seinen Eltern vertreten wurde. Das Mädchen hatte bei der Stadt Göttingen eine Namensänderung beantragt. Diese sollte so aussehen, dass ihrem bisherigen Vornamen noch ein zweiter Vorname hinzugefügt werden sollte.

Die Eltern begründeten den Antrag damit, dass ihre im Vorschulalter befindliche Tochter aufgrund der Identität ihres Vornamens mit dem Namen eines bekannten Sprachassistenten erheblich unter Mobbing und Hänseleien leide.

Ein Sprachassistent eines bekannten US-Herstellers: Wegen einer Namensgleichheit wurde ein Mädchen gehänselt. Es darf nun einen weiteren Vornamen bekommen, entschied das Verwaltungsgericht Göttingen.
Ein Sprachassistent eines bekannten US-Herstellers: Wegen einer Namensgleichheit wurde ein Mädchen gehänselt. Es darf nun einen weiteren Vornamen bekommen, entschied das Verwaltungsgericht Göttingen. © Britta Pedersen/dpa

Namensgleichheit von Siris und Alexas: Stadt sieht keinen wichtigen Grund für einen Zusatz-Namen

Die Stadt Göttingen lehnte die Namensänderung ab, weil dafür kein wichtiger Grund vorliege. Die seelische Belastung der Tochter sei nicht durch ärztliche oder psychologische Gutachten belegt. Der Wunsch nach einer Namensänderung beruhe vielmehr darauf, dass die Eltern nachträglich die frühere Namensgebung bereuten und Mobbing befürchteten. Ein Produktname könne jedoch nicht automatisch dazu führen, dass die vielen Inhaber gleichlautender Vornamen Anspruch auf eine Namensänderung hätten.

Die Richter waren allerdings am Ende der mündlichen Verhandlung überzeugt, dass sehr wohl eine seelische Belastung vorliege. Auch wenn diese noch nicht den Grad einer behandlungsbedürftigen Krankheit erreicht habe, könne diese einen wichtigen Grund für die Namensänderung darstellen.

Gericht über Namen Alexa und Siri: Name nicht nur Produktbezeichnung sondern „Schlüsselwort“

Ein solcher wichtiger Grund sei, wenn die privaten Interessen an der Namensänderung die öffentlichen Interessen an der Namensbeibehaltung überwiegen. Die Eltern hätten in der Verhandlung zahlreiche Vorfälle beschrieben, bei welchen das Mädchen aufgrund ihres Vornamens belästigt worden sei.

Es sei nachvollziehbar, dass es zu einer seelischen Belastung gekommen sei, der die Klägerin aufgrund ihres jungen Alters nichts entgegensetzen könne. Insgesamt sei zu erwarten, dass die Hänseleien auch in Zukunft weiter andauern würden. Das Gericht verwies darauf, dass der Name des bekannten Sprachassistenten (korrekterweise müsste es allerdings Sprachassistentin heißen) nicht nur eine reine Produktbezeichnung, sondern das „Schlüsselwort“ zur Nutzung des Geräts sei.

Dies führe dazu, dass der Name in einem besonders herausragenden Maße Missbrauchs-geeignet sei, da durch die Voranstellung des Produktnamens dem Gerät Befehle erteilt würden.

Zusatz-Vorname für Alexa: Beleidigende Befehle wegen eines Sprach-Assistenten

Der Name sei nicht nur für einen Wortwitz geeignet, sondern lade vielmehr dazu ein, beleidigende und erniedrigende Befehle an Personen mit gleichem Namen zu erteilen. Bei der Interessensabwägung sei zu berücksichtigen, dass es nur um die Änderung eines Vornamens gehe, im Vergleich zu der Änderung eines Familiennamens komme einer solchen Änderung ein geringeres Gewicht zu. Aufgrund ihres jungen Alters habe die Klägerin auch bisher nicht erheblich am Rechtsverkehr teilgenommen.

Da lediglich ein zweiter Vorname hinzugefügt werde, bleibe zudem ein gewisser „Wiedererkennungswert“ beim Namen der Klägerin erhalten. Die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig. Die Stadt Göttingen kann dagegen beim Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht in Lüneburg einen Antrag auf Zulassung der Berufung stellen. (Heidi Niemann)

Vor kurzem wurde Göttingen ein Mann wegen einer Messerattacke zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.

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