Verhalten von Verweigerern und Zögernden

Analyse von Soziologe Vogel aus Göttingen: Warum „Spätimpfer“ noch zögern

Prof. Dr. Berthold Vogel arbeitet am Soziologisches Forschungsinstitut der Uni Göttingen (SOFI).
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Prof. Dr. Berthold Vogel arbeitet am Soziologisches Forschungsinstitut der Uni Göttingen (SOFI).

Eine Impfqoute von 90 und mehr Prozent in Deutschland hält der Göttinger Soziologe Berthold Vogel für unmöglich.

Göttingen – Mehr als die Hälfte derer, die sich bis jetzt nicht haben impfen lassen, werden dies auch künftig nicht tun, sagt Vogel, der als Direktor am Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI) der Uni Göttingen arbeitet. Er analysiert auch, warum zum Beispiel „Spätimpfer“ noch zögern sich die Corona-Schutzimpfung geben zu lassen.

Menschen, deren Entscheidung gegen die Corona-Impfung politisch motiviert ist, würden Impfangebote auch künftig nicht annehmen, so Vogel: „Das sind wohl etwas mehr als die Hälfte der bis heute nicht Geimpften.“

Das bedeute aber nicht, dass die Anstrengungen, so viele wie möglich zum Impfen zu bewegen, vermindert werden sollten. „Ich bin trotzdem überzeugt, dass wir die Übrigen erreichen und die Impfquote mit aufsuchendem Impfen und 2G entscheidend steigern können“, sagt der Sozialforscher. Auch eine Impfpflicht könnte die Politik aus seiner Sicht für bestimmte Sektoren und Berufe erwägen.

Aus Vogels Sicht lassen sich die Menschen, die bisher keine Corona-Impfung erhalten haben, in drei Gruppen einteilen. „In 50 bis 60 Prozent der Fälle sei die Impfgegnerschaft politisch motiviert. “Sie ist nicht in erster Linie Ausdruck medizinischer Bedenken, sondern eines grundsätzlichen Protests gegen die Demokratie und ihre Einrichtungen“, erklärte Vogel. Hier gebe es eine große Schnittmenge mit „Basis“- und AfD-Anhängern. Aktuelle Forschungsbefunde auf Bundesebene zeigten eine klare Korrelation zwischen niedriger Impfquote und hohen Stimmenanteilen für die AfD. „Hier sammeln sich nicht nur Abgehängte. Vielmehr gehören die politisch motivierten Impfgegner mehrheitlich der Mittelschicht an und sind gut qualifiziert“.

Die „Spätimpfer“ machen aus Vogels Sicht etwa ein Fünftel der noch nicht Geimpften aus. „Zu dieser Gruppe zähle ich eher isoliert lebende Menschen. Ihnen fehlt das soziale Umfeld, das sie zur Impfung animiert“.. Auch diese Menschen lehnten die Impfung nicht aus gesundheitlichen Gründen ab. Mangels sozialem Druck, fühlten sie sich schlicht nicht vor die Entscheidung gestellt. „Länder wie Portugal und Spanien haben auch deshalb so hohe Impfquoten, weil die Familie dort eine wichtigere Rolle spielt“, ergänzte Vogel.

Als dritte Gruppe definiert Soziologe Vogel die Arbeitskräfte mit unsicherem Aufenthaltsstaus. Solche Arbeitsmigranten seien gesellschaftlich wenig sichtbar, aber in der Arbeitswelt sehr präsent, etwa im Bauhandwerk, in der Logistik oder in der Lebensmittelbranche. „Sie haben oft große Sorge vor Behördenkontakten. Auch das Impfen empfinden viele als soziales Risiko“, erklärte Vogel. Erfahrungen vieler Kommunen zeigten, dass diese Menschen bereit seien, sich impfen zu lassen, wenn man auf sie zugehe und ihnen zuvor ihre Ängste nehme.

Der Göttinger Sozialforscher Berthold Vogel berät auch die Politik, so ist er Mitglied einer von Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) einberufenen interdisziplinären Expertenrunde, die die Landesregierung im Umgang mit der Pandemie berät. (Thomas Kopietz, mit epd)

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