Viel Applaus bei Premiere

Andorra im ThOP: Mammutaufgabe gemeistert

+
Tragen heutige Kleidung: die Darsteller Claire Seibt als „Schwarze Soldatin“, Fabio Rocchio als „Andri“ und Denise Frerichs als „Judenschauerin“.

Ein sehr sehenswertes Schauspiel hat das Theater im OP (ThOP) seinen Besuchern mit Max Frischs „Andorra“ geboten. Für Barbara Kortes ergreifende Inszenierung spendeten sie begeisterten Applaus.

Wie ein Baby mit Andris Schuhen fest im Arm legt Barblin (Anne-Sophie Heerdt) sich am Schluss auf den Boden. Sie ist an der Hetzjagd auf Andri (Fabio Rocchio) zerbrochen. Der Idiot (Flaschen sammelnd: Georg Rakovszky) kommt mit den Schuhen dazu, die er von Anfang dabei hat. Die Körper erscheinen wie eine Herzform. Der Schlussappell, statt vorschneller „Todesstöße“ lebensrettende Liebe walten zu lassen?

Warum jetzt ein mehr als 50 Jahre altes Stück, fragt Regisseurin Korte im Programmheft. „Eine Gesellschaft voller Heuchler und Mitläufer, die vor ihrer Schuld die Augen verschließt“ sei als Thema auch heute noch von Bedeutung. „,Andorra‘ kann uns erinnern: an unsere Geschichte.“ Genauso könne das Stück warnen „vor aktuellen Entwicklungen, die wir ernst nehmen sollten“. „Jude ist die größte Beleidigung im Fußball“ war erst am 12. September dieses Jahres in der Online-Ausgabe der Zeit zu lesen.

Die Handlung

Max Frischs Klassiker erzählt von dem Juden Andri. Dieser Jude ist kein Jude. Doch nach vielen Jahren mit der Lüge will diese Wahrheit keiner mehr wissen. Nicht einmal Andri selbst kann es glauben.

Durch Höhen und Tiefen geht Fabio Rocchio als Andri. Die Rolle des Juden hat das Pflegekind des Lehrers über viele Jahre angenommen. Glaubhaft vermittelt Rocchio dessen Unvermögen, die neue Rolle „Lehrer-Sohn“ zu akzeptieren. Völlig hilflos steht sein Vater (unbeholfen: Joseph Smith) vor dem Abgrund. Beim Pater (salbungsvoll: Dominic Wolf) sucht er Unterstützung.

Daran, dass sie die Wahrheit nicht sagen darf, hält sich die Senora und Andris Mutter (liebevoll: Monika Giro). Als sie gebraucht wird, kann sie sie nicht mehr sagen: Sie wird durch einen Stein am Kopf tödlich getroffen. Wie ein Hahn gockelt der Soldat (ein Macho: Jakob Faust), ein falsches Spiel spielt der Wirt (stets „korrekt“: Marvin Klimainsky). Die Liste der durchweg überzeugenden Spieler ist damit lange nicht zu Ende.

50 Jahre altes Stück in die Gegenwart gebracht

Um das mehr als 50 Jahre alte Schauspiel in die Gegenwart zu ziehen, hat sich Korte, was die Kostüme betrifft, an einen Wunsch von Max Frisch gehalten. Die Figuren tragen heutige Kleidung. Und wie heute werden Kleider für die Flüchtlinge gesammelt. 

Mit grauen Stühlen formen die Darsteller den Raum. Immer wieder treten Figuren aus den Reihen und rechtfertigen ihr Handeln. Dass es nicht nur Einzeltäter gibt, zeigt die Regisseurin mit einem klugen Schachzug. Wie ein griechischer Chor formiert sich das Ensemble und kann so die Aussagen der Sprecher verstärken. 

Langwährender begeisterter Applaus beweist: Das ThOP hat die Mammut-Aufgabe gemeistert.

Nächste Vorstellungen am 16., 18. und 20. September, jeweils um 20.15 Uhr, Karten an der Abendkasse sowie im Internet unter www. thop.uni-goettingen.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.