Prozess in Göttingen: Angreifer stand unter Drogen

30-Jähriger steht wegen Messer-Attacke vor Gericht

+
Landgericht Göttingen.

Göttingen. Vor dem Landgericht Göttingen hat am Mittwoch ein Prozess begonnen, der die gefährliche Wirkung einer neuen Designer-Droge aufzeigt.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 30-jährigen Angeklagten vor, im November 2014 einen Polizisten mit einem Messer und einer Schreckschusspistole attackiert zu haben. Einen ähnlichen Vorfall hatte es im März 2013 in der Polizeidirektion Göttingen gegeben. Damals hatte ein Mann plötzlich eine Waffe gezogen und zwei Polizisten durch Schüsse verletzt. In beiden Fällen hatten die Angreifer die synthetische Droge MDPV (Methylendioxypyrovaleron) konsumiert.

„MDPV macht besonders schnell und besonders extrem süchtig“, sagt die Suchtmedizinerin Christel Lüdecke. Zunächst löse die Droge ein Hochgefühl bis zur Euphorie aus, häufig verbunden mit einem Gefühl von Selbstsicherheit und Stärke sowie einer gesteigerten sexuellen Erregbarkeit. Gleichzeitig bewirkt sie das heftige Verlangen, das Mittel weiter zu konsumieren. Dies führt dazu, dass Konsumenten tagelang nicht mehr schlafen und auch keine Nahrung zu sich nehmen. Als Folge kann sich eine schwer behandelbare Psychose entwickeln.

So war es auch bei dem 30-jährigen Angeklagten. Er habe vier Tage lang nicht geschlafen, nichts gegessen und in dieser kurzen Zeit 400 Euro für Drogen ausgegeben, erklärte er vor Gericht. Weil er auch nichts getrunken hatte, habe er sich am Tatabend an einer Tankstelle etwas zu trinken kaufen wollen. Dies klappte jedoch nicht, weil er kein Bargeld hatte und auch nichts mehr mit seiner EC-Karte abbuchen konnte. Der 30-Jährige griff sich daraufhin eine Flasche mit Frostschutzmittel und kündigte an, diese austrinken zu wollen.

Schließlich rief die Verkäuferin die Polizei. Die Beamten erteilten ihm einen Platzverweis, doch der 30-Jährige wollte nicht verschwinden. „Er benahm sich wie ein kleines Kind“, berichtete einer der Polizisten. Er habe dann entschieden, ihn in Gewahrsam zu nehmen. Während sie auf das Transportfahrzeug warteten, zog der 30-Jährige plötzlich ein Messer und fügte dem Polizisten eine Schnittverletzung in der linken Gesichtshälfte zu. Anschließend soll er mit einer Schreckschusswaffe auf den Beamten gezielt und diesen knapp verfehlt haben.

Der 30-Jährige hat nach eigenen Angaben keine Erinnerung an das Tatgeschehen. Er habe unter Verfolgungsängsten gelitten, sagte er. Deshalb habe er auch das Messer und die Pistole bei sich gehabt. Ein vorläufiges psychiatrisches Gutachten hat ergeben, dass der 30-Jährige aufgrund eines schweren schizophrenen Krankheitsbildes zur Tatzeit schuldunfähig war. Weil er somit nach Ansicht der Staatsanwaltschaft eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt, will sie erreichen, dass der 30-Jährige dauerhaft in der Psychiatrie untergebracht wird.

Göttingen Hochburg der Modedroge "Flex"

Die Modedroge MDPV, die in Szenekreisen auch „Flex“ genannt wird, stellt sowohl die Polizei als auch die Suchtkliniken in Göttingen vor immer größere Probleme. Während MDPV in anderen Regionen kaum verbreitet ist, hat sich Göttingen zu einer regelrechten Hochburg entwickelt. „Wir haben permanent 20 bis 30 MDPV-Patienten auf unserer Station“, sagt Christel Lüdecke, Chefärztin am Asklepios Fachklinikum Göttingen. Viele wenden sich selbst an die Klinik, andere werden eingewiesen, weil sie als Folge des Drogenkonsums völlig verwirrt sind oder sich in einem wahnhaften Zustand befinden. Die starke Ausbreitung der illegalen Droge spiegelt sich auch in der Kriminalstatistik wieder.2014 verzeichnete die Göttinger Polizei 120 MDPV-Fälle, 2013 waren es erst 34 gewesen.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.