Angst bei Herzerkrankungen kann Leben retten: Interview mit Prof. Herrmann-Lingen

Referiert zu Herzkrankheit und Angst: Prof. Dr. Christoph Herrmann-Lingen. Foto: nh

Göttingen. Das Herzzentrum der Universitätsmedizin Göttingen informiert am Mittwoch unter dem Titel „Herz in Gefahr – Koronare Herzkrankheit und Herzinfarkt“ über den aktuellen Stand der Diagnostik und Therapie sowie über neue Behandlungsverfahren und ergänzende Präventionsmaßnahmen. Wir sprachen mit Prof. Dr. Christoph Hermann-Lingen vom Herzzentrum über Ängste bei herzkranken Menschen.

Herr Professor, Herrmann-Lingen, der Titel Ihres Vortrags ist: „Wie viel Angst tut gut?“ Kann Angst bei Herzkranken überhaupt gut tun?

Prof. Dr. Christoph Herrmann-Lingen: Ein gesundes Maß Angst kann Herzpatienten sogar das Leben retten. Es geht eben immer darum, wie stark sie ist. Denken Sie an den akuten Herzinfarkt. Da ist zu viel Angst natürlich schädlich, weil sie das Herz zusätzlich belastet und Menschen manchmal regelrecht erstarren lässt. Sie wissen gar nicht mehr, was sie tun sollen und verlieren so wertvolle Zeit.

Und zu wenig Angst, das klingt widersprüchlich?

Herrmann-Lingen: Zu wenig Angst kann auch tödlich sein, wenn Betroffene ihre Herzbeschwerden nicht ernst nehmen und daher nicht rechtzeitig den Notarzt rufen.

Welche Art von Angst ist noch problematisch?

Herrmann-Lingen: Menschen haben manchmal Angst vor dem Falschen: Sich einzugestehen, dass die Schmerzen auf einen Infarkt hindeuten könnten, ist manchmal so bedrohlich, dass man sich unwillkürlich ein anderes Ziel der Angst sucht. Zum Beispiel, dass es nur ein verdorbener Magen wäre, oder auch, dass man sich blamieren könnte, wenn man den Notarzt ruft und es am Ende doch nichts Gefährliches war. Ein gesundes Maß Angst kann dagegen motivieren, rasch die 112 zu rufen, wodurch der Infarkt optimal behandelt werden kann.

Aber Angst verhindert ja nicht nur, Hilfe zu holen...

Herrmann-Lingen: Angst vor erneuten Herzproblemen nach einer OP oder Behandlung kann auch leicht in eine Angstspirale führen. Normale Unregelmäßigkeiten des Herzschlags oder Muskelverspannungen im Brustkorb werden dann als bedrohlich interpretiert. Die Angst kann zur Pulsbeschleunigung oder zu mehr Verspannung führen – ein Teufelskreis, der die Patienten immer wieder zum Arzt oder in die Notaufnahme führt. Es folgen Untersuchungen, oft ohne Ergebnis. Das kann Patienten zusätzlich verunsichern. Die Folge ist oft ein ein nachteiliges Schonverhalten. und eine Arzt-Odyssee, um doch Ursachen zu finden. Das beeinträchtigt wieder die Lebensqualität, kann zur Arbeitsunfähigkeit führen.

Wie findet ein Herzpatient die richtige Balance zwischen Belastung und Entlastung, zwischen positiver und negativer Angst?

Herrmann-Lingen: Für die richtige Balance ist ein gesundes Maß an Angst hilfreich: Herzpatienten brauchen einerseits ein sachlich gut begründetes Maß an Vorsicht, um sich nicht zu überlasten. Etwas Angst kann also vor Selbstüberforderung schützen und dazu motivieren, auf das Herz achtzugeben. Andererseits brauchen Herzpatienten aber auch neben der völlig nachvollziehbaren Angst den Mut, dem Körper auch wieder etwas zuzutrauen. Generell ist ja Bewegung gut für das Herz, solange das richtige Maß eingehalten wird und es auch immer wieder Phasen der Entspannung gibt. Das kann man in der ersten Zeit nach einem Infarkt am besten unter fachkundiger Anleitung, wie in der Reha-Behandlung, lernen. Sinnvoll ist es, die empfohlene Zeit und Intensität der Belastung zu beachten. Die kann man zunächst mit Puls- und Blutdruckkontrollen überwachen. Dafür sind klare Vorgaben des Arztes sehr hilfreich, wie lange mit welcher Pulsfrequenz trainiert werden soll.

Aber eine Reha-Betreuung ist keine Alltagssituation...

Herrmann-Lingen: Langfristig ist es aber wichtig, selbst ein realistisches Gefühl für den Körper, seine Belastbarkeit und Ruhebedürfnisse (wieder) zu bekommen und es mit den Kontrollen nicht zu übertreiben. Ähnliches wie für die Trainingsbelastungen gilt natürlich auch für die Belastungen des Alltags- und Berufslebens – und auch in der Sexualität. Also: Aktivitäten in der richtigen Dosis sind generell gut, zu viel/zu heftig – und zu wenig langfristig oft ungünstig.

Programm:

Herzseminar: Herz in Gefahr – Koronare Herzkrankheit und Herzinfarkt , Herzseminar im Rahmen der Herzwochen der Deutschen Herzstiftung 2015, Mittwoch, 18. November, 16 bis 18:45 Uhr , Hörsaal 552, Universitätsklinikum Göttingen , Robert-Koch-Str. 40, 37075 Göttingen. Begrüßung der Gäste und Vorstellung der Referenten

Vorträge: „Infarkt erkennen und behandeln – Symptome und Vorgehen bei Herzbeschwerden“: Priv.-Doz. Dr. Mark Hünlich,

„Operationsmöglichkeiten bei koronarer Herzkrankheit“: Prof. Dr. Friedrich Schöndube,

„Medikamentöse Therapie bei Herzinfarkt und Herzschwäche“: Priv.-Doz. Dr. Tim Seidler,

„Wie viel Angst tut gut?“: Prof. Dr. Christoph Herrmann-Lingen,

„Sport nach Herzinfarkt“: Dr. Jeanette Walle.

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