Anne-Marie Descôtes im Interview

Französische Botschafterin wirbt in Göttingen für die europäische Zusammenarbeit

Sie war gekommen, um sich in das Goldene Buch der Stadt Göttingen einzutragen: Auf Einladung von Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD) hat die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes Göttingen besucht. Wir sprachen mit ihr.

Aktualisiert am 8.12. um 9 Uhr - Die französische Botschafterin, Trägerin der französischen Ehrenlegion, äußerte sich zur politischen Situation in ihrem Heimatland und die europäische Zusammenarbeit.

Madame Descôtes, wie beurteilen Sie die aktuelle Situation in Frankreich – Stichwort Gelbhemden-Proteste? 

Anne-Marie Descôtes: Es liegt nicht an mir, die Ursachen zu beurteilen, aber es ist eine außergewöhnliche Situation. Es ist eine große Wut, die sich aufgestaut hat und sich nun kollektiv äußert. Sie entspringt einem tiefgreifenden Gefühl von Ungerechtigkeit, dass man von seiner Arbeit nicht mehr würdig leben kann. Dennoch ist die Gewalt selten erreichten Ausmaßes nicht zu entschuldigen.

Präsident Macron hat die Steuererhöhung ja nun ausgesetzt ... 

Descôtes: Die Wut wurde vom Präsidenten und der Regierung gehört. Als Sofortmaßnahmen wurde die sechsmonatige Aussetzung der Öko-Steuer und die Angleichung der Dieselbesteuerung für Unternehmen an Privatpersonen beschlossen. Es war ein erster Schritt, aber inzwischen ist die Regierung weiter gegangen und hat entschieden, die Öko-Steuer ganz auszusetzen. Es soll jetzt ein intensiver Dialog zwischen allen beteiligten Institutionen stattfinden und effiziente Begleitmaßnahmen umgesetzt werden. Zum Beispiel sollen Menschen, die einen langen Fahrweg zur Arbeit haben, unterstützt werden. Damit reagiert die Regierung auf die Proteste.

Was war der Hintergrund der geplanten Steuererhöhung? 

Descôtes: Es geht darum, den ökologischen Wandel zu steuern. Das wird ja aktuell auch in Katowice bei der internationalen Klimakonferenz (COP24) thematisiert. Der Klimawandel existiert, und wir müssen unbedingt etwas dagegen tun. Wir haben Klimaziele, und wir müssen überlegen, wie wir diese Ziele erreichen können, ohne die Menschen zu sehr zu belasten. Zwischen dem 15. Dezember und dem 1. März werden Gespräche geführt mit dem Ziel, konkrete Veränderungen zu erzielen. Einerseits müssen die Klimaziele eingehalten werden, andererseits gibt es alltägliche Bedürfnisse der Menschen. Für viele Franzosen ist es schwer, einfach so den Wagen zu wechseln, aber auch mehr für Benzin auszugeben.

Präsident Macron wird in Deutschland durchaus positiv beurteilt, wenn es um seine Europapolitik geht. Wie sieht das in Frankreich aus? 

Descôtes: Das Thema Europa war sehr wichtig in Präsident Macrons Wahlkampagne. Aber man muss es genau verstehen. Für ihn sind Innen- und Europapolitik zwei Elemente einer Realität. Er will ein Europa, das die Bürger schützt. In Frankreich gibt es kein abstraktes Interesse an der Eurozone und der Währungsgemeinschaft. Es muss ein Europa sein, das etwas Konkretes für die Menschen bedeutet. Nur wenn die Menschen in jedem Land besser leben können, ist es sinnvoll. Das ist die soziale Dimension der Währungsunion.

Was sind die Vorteile einer europäischen Zusammenarbeit? 

Descôtes: Die internationalen Herausforderungen mit den Konstellationen in den USA, in China oder Russland machen es unumgänglich, dass wir kollektiv Lösungen finden. Wenn Präsident Macron von europäischer Souveränität spricht, geht es nicht darum, dass jedes Land seine Souveränität aufgibt. Aber wir Europäer können nur dann stark und in manchen Bereichen Vorreiter sein, wenn wir uns zusammen tun.

Wie beurteilen Sie die aktuelle deutsch-französische Beziehung? Ist sie durch die Spannungen innerhalb der EU eher besser oder eher schlechter geworden? 

Descôtes: Weder noch. Die deutsch-französische Beziehung ist etwas Außergewöhnliches, aber keine Achse, das Wort mögen wir nicht. Wir haben es geschafft, zu einer besonderen Freundschaft zu finden. Wir haben es gelernt, gemeinsam für ein höheres Ziel zu arbeiten. Wenn wir uns nicht verständigen, wird es auch für die anderen Staaten sehr schwer. Wir sind der Motor, das heißt, aber nicht, dass wir nicht auf die anderen Staaten Rücksicht nehmen. Diese besondere Verantwortung hat sich auch bei den Brexit-Verhandlungen gezeigt. Dort haben alle EU-Staaten sehr eng zusammengearbeitet, und wir haben eine Einigung erzielt, bevor der EU-Wahlkampf beginnt. Beim Thema Migration haben wir Fortschritte gemacht, und im Bereich Sicherheit und Verteidigung sind wir in den vergangenen anderthalb Jahren weiter gekommen als in den 50 Jahren zuvor.

Wie blickt Frankreich aktuell auf die Situation in Deutschland? Wird das Erstarken der rechten Kräfte kritisch beäugt oder als normale europäische Entwicklung wahrgenommen? 

Descôtes: Wir beobachten, ohne zu beurteilen. Politische Entwicklungen gibt es überall. Auch die Wahl Präsident Macrons zeigt, dass die traditionellen Parteien schwächer geworden sind. Auch in Deutschland gibt es Entwicklungen, aber die Bundeskanzlerin ist noch da. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir weiter gut zusammenarbeiten können. Die EU-Wahlen im kommenden Jahr werden zeigen, dass sich die politische Landschaft in ganz Europa verändert hat. Mein Wunsch ist, dass die pro-europäischen Kräfte gewinnen.

Zur Person 

Anne-Marie Descôtes (59), Trägerin der französischen Ehrenlegion, wurde am 5. Dezember 1959 in Lyon geboren. Sie studierte Germanistik in Hamburg und Berlin. Von 1987 bis 1990 arbeitete sie als Kulturattaché in der französischen Botschaft in Bonn. Sie absolvierte die französischen Eliteschulen ENS und ENA (Abschlussjahr 1994 Saint-Exupéry). Dann wurde sie ins französische Außenministerium berufen, wo sie von 1994 bis 1997 für die EU-Außenbeziehungen zuständig war. Von 1997 bis 2001 war sie Fachberaterin des Ministers für europäische Angelegenheiten, Pierre Moscivici. Anschließend war Descôtes bis 2005 Fachberaterin für die EU-Erweiterung in der Ständigen Vertretung Frankreichs in Brüssel. Nach einer Beratertätigkeit für den französischen Botschafter in Washington (2005 bis 2008) war sie bis 2013 Direktorin der Agentur für das französische Auslandsschulwesen, dann bis 2017 Leiterin der Generalabteilung „Globalisierung, Kultur, Bildung und internationale Entwicklung“ im französischen Außenministerium. Am 6. Juni 2017 wurde Descôtes zur Botschafterin Frankreichs in Deutschland berufen.

Botschafterin von Göttingen begeistert

„Ich nehme ganz viele Ideen und Anregungen aus Göttingen mit.“ Die französische Botschafterin in Berlin, Anne-Marie Descôtes, war von ihrem Besuch in der Uni-Stadt begeistert.

Mit der Universität und dem Unternehmen Sartorius hatte sie zwei „Schlaglichter“ (OB Rolf-Georg Köhler) Göttingens kennengelernt und sich im Alten Rathaus in das Goldene Buch der Stadt eingetragen.

Frankreichs Botschafterin in Deutschland: Anne-Marie Descôtes (Mitte), und der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Thomas Oppermann (Vierter von links), mit Aufsichtsrats- und Vorstandsmitgliedern von Sartorius Stedim Biotech um Konzernchef Dr. Joachim Kreuzburg (Zweiter von rechts).

Descôtes war einer Einladung des Bundestagsvizepräsidenten und Göttinger Parlaments-Abgeordneten Thomas Oppermann (SPD) gefolgt. Insbesondere der Besuch bei Sartorius hinterließ einen bleibenden Eindruck bei der Botschafterin: „Das ist ein tolles Beispiel für eine deutsch-französische Erfolgsgeschichte.“

2007 hatte die Sartorius AG ihre Biotechnologie-Sparte mit dem französischen Unternehmen Stedim Biosystems S.A. zusammengeführt und wurde so Mehrheitsgesellschafterin der Sartorius Stedim Biotech S.A.

Unternehmenschef Dr. Joachim Kreuzburg unterlegte die Erfolge mit Zahlen: „Sartorius Stedim Biotech ist im vergangenen Jahrzehnt pro Jahr um knapp 13 Prozent gewachsen, der Aktienkurs hat sich mehr als verzehnfacht. Wir haben insbesondere auch in unseren französischen Standort in Aubagne investiert und die Zahl der dort beschäftigen Mitarbeiter seit 2007 auf rund 1000 etwa vervierfacht.“

Laut Descôtes ist das Göttinger Unternehmen ein gutes Beispiel für die Förderung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit im Bereich der neuen Technologien. Beim Besuch der Georg-August-Universität fiel ihr dagegen auf: „Im Bereich Uni können wir noch mehr machen, den deutsch-französischen Austausch noch mehr fördern.“

Abgeschlossen wurde ihr dritter Besuch in Göttingen – das erste Mal war sie vor 30 Jahren dort – mit derb Eintragung ins Goldene Buch. Beim Empfang unterstrich Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler die Internationalität der Uni-Stadt und lobte den „spannenden Austausch mit der Partnerstadt Pau“. Dabei erklärte er auch, wie wichtig es sei, die „europäischen Kontakte aktiv zu pflegen“.

Auch Descôtes betonte die Wichtigkeit der europäischen Zusammenarbeit. Sie hatte aber auch warme Worte für die Stimmung in Göttingen übrig: „Es ist schön, hier zu sein, wenn der Weihnachtsmarkt in der Stadt ist.“

Von Andreas Arens

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